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Edinburgh Festival : Von fremden Märchen und Leuten

„The Revange of Prince Zi Dan” Eine Interpretation von Shakespeares Hamlet Bild: Liu Haifa

Das Edinburgh Festival hat sich dieses Jahr dem west-östlichen Kulturdialog verschrieben und bietet eine Fülle an Stücken aus Tausendenundeiner Pracht.

          4 Min.

          Seit mehr als hundertfünfzig Jahren lassen sich die Besucher Edinburghs hinreißen von der Geschichte des treuen Bobby, eines Sky Terriers, der wie der Hund Argos bei Homer, über den Tod seines Herren so untröstlich war, dass er nicht von dessen Grab wich, bis er vierzehn Jahre später selber starb. 1872 wurde ihm ein wunderbar sentimentales viktorianisches Denkmal gesetzt. Zudem markiert ein roter Granitstein mit der Aufschrift „Dass seine Treue und seine Ergebenheit uns allen ein Beispiel seien“ das Hundegrab. Noch heute halten Touristen in der Altstadt inne vor dem bronzenen Terrier auf dem Brunnen vor der Greyfriars Kneipe. Die rührselige Geschichte hat Romane und Filme inspiriert, darunter auch die Lassie-Adaptionen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Doch nun, wenige Tage vor Beginn des Edinburgher Festivals, brachte ein schwedischer Wissenschaftler die ernüchternde Kunde, dass der Greyfriars Bobby eine Marketing-Erfindung des Friedhofswärters und des Wirtes einer naheliegenden Gaststätte gewesen sei, die einen streunenden Hund durch Fressen bestachen, am Grab zu verweilen. Der eine profitierte von den Trinkgeldern gerührter Besucher, der andere von den Mahlzeiten, die Hundeliebhaber im Anschluss an die Grabbesichtigung bei ihm einnahmen. Als der erste Hund starb, den die beiden als den treuen Bobby ausgaben, sollen sie ihn durch einen anderen ersetzt haben.

          Westliche Vorurteile beseitigen

          Die Legende wird sich gegen die Realität durchsetzen, denn das Bedürfnis nach Geschichten ist unersättlich, wie die unzähligen Märchen bezeugen, die zur Zeit auf den Bühnen und Straßen Edinburghs erzählt werden. Das Festival steht in diesem Jahr unter dem Zeichen des west-östlichen Kulturdialogs. Mit dem Motiv der Begegnung von Orient und Okzident haben sich die Veranstalter viel Spielraum gelassen für ein breit gefasstes Programm, beginnend mit Schumanns den romantischen Orientalismus des neunzehnten Jahrhunderts verkörpernden weltlichen Oratorium „Das Paradies und die Peri“, dargeboten von Roger Norrington und dem Scottish Chamber Orchestra, und der Uraufführung eines Auftragwerkes des japanischen Komponisten Toshio Hosokawa, über Aufführungen von Rossinis „Semiramide“ und Mahlers „Lied von der Erde“, Gastspielen indischer, chinesischer und koreanischer Tanz- und Operntruppen, einer Ausstellung des japanischen Fotographen Hiroshi Sugimoto, bis hin zu fernöstlichen Shakespeare-Interpretationen und Tim Supples von dem Ideal der arabisch-westlichen Annäherung getragener Inszenierung von „Tausendundeiner Nacht“.

          „Die Frau ohne Schatten” von Richard Strauss, Libretto von Hugo von Hofmannsthal
          „Die Frau ohne Schatten” von Richard Strauss, Libretto von Hugo von Hofmannsthal : Bild: Valentin Baranovsky

          Der britische Regisseur, der vor einigen Jahren mit einem poetischen indischen „Sommernachtstraum“ beeindruckte, hat Darsteller aus verschiedenen arabischen Ländern versammelt, um den Würzeln der klassischen Märchensammlung auf den Grund zu gehen und westliche Vorurteile über die arabische Welt beiseite zu fegen, ein interkulturelles Vorhaben, das zwar schon vor dem arabischen Frühling geboren wurde, durch dessen Aktualität jedoch eine frische Dynamik erhalten hat, zumal wenn man nach der Premiere im Hotelzimmer die Bilder aus Tripolis auf dem Bildschirm sieht. Die dreisprachige, allerdings durch holprige Untertitel beeinträchtigte Textbearbeitung - Arabisch, Französisch und Englisch - der libanesischen Schriftstellerin Hanan al-Shaykh hat freilich nichts mit den bereinigten Märchen zu tun, die Kindern als Gutenachtgeschichte vorgelesen werden.

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