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Éclat-Festival für neue Musik : Echter Mut und falsche Posen

  • -Aktualisiert am

Szene aus „Voice Affairs“ Bild: Martin Sigmund

Das Éclat-Festival für neue Musik in Stuttgart würdigt die in Weißrussland inhaftierte Flötistin Maria Kolesnikowa – aber auch politische Scharlatane.

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          Websites gleichen manchmal digitalen Wunderlandschaften. Mit jedem Klick dringt man tiefer in ihre Geheimnisse ein und erwartet gespannt, wie beim Türchenöffnen am Adventskalender, was hinter den Links zum Vorschein kommt. Ähnliche Erlebnisse bot nun die Seite des Stuttgarter Éclat-Festivals, das dieses Jahr coronabedingt nur im Internet zu verfolgen war. Webdesigner und Aufnahmeteam hatten viel Phantasie walten lassen, um einen adäquaten Ersatz für die Festivalatmosphäre zu schaffen. Manche Veranstaltungen wurden in kunstvoll komponierte Bildschirmereignisse aufgelöst, und mit Quizfragen, Zoom-Meetings und der Möglichkeit, das Gehörte mit einem kurzen Kommentar zu bewerten, wurde erfolgreich Interaktivität praktiziert. Daumen hoch für die digitalen Festivalkünstler hinter den Kulissen.

          Der Anfang war etwas holprig. Wenn man sich zu der im Vorprogramm angegebenen Zeit in das erste Konzert einschaltete, lief schon irgendein Programm: Kamerafahrten durch Industrielandschaften, regnerische Meeresufer, dazwischen „Madrigal d’Essilio“, ein schwermütiges Lamento über Texte von Sayat Nova, einem armenischen Troubadour aus dem achtzehnten Jahrhundert, komponiert von der libanesischen Multimediakünstlerin Cynthia Zaven. Dann wieder Meeresrauschen, diesmal mit Sonnenuntergang und Gewitter. Das Programm „Voice Affairs“ mit Beiträgen von Musikern aus dem Nahen Osten verband Bühne, virtuelle Realität, Klänge und touristische Fahrten durch fremde Landschaften zu einem stimmungsvollen, wenn auch langfädigen Ganzen.

          Die sogenannt neue Musik befindet sich wieder einmal im Umbruch. Sie ist aus dem geschützten Westeuropa ausgezogen, internationaler und diverser geworden und wandert zunehmend auch ins Internet ab. Das ist zweifellos bereichernd, verleitet aufgrund der netzspezifischen Aufgeregtheiten aber auch manche zur Annahme, Komponieren sei eine Art Twittern mit Tönen und erfordere laute Bekenntnisse für eine gute Sache. Das war auch bei Éclat zu beobachten. Durch die fünf Tage zog sich wie ein roter Faden das Bedürfnis, Haltung anzunehmen. Was nicht militärisch zu verstehen ist, sondern ideologisch: strammstehen für die richtige Meinung. Man wollte Zugehörigkeit demonstrieren und irgendwie woke sein und heftete sich das Abzeichen des Antirassismus, der Antidiskriminierung und anderer Tageslosungen an die Brust. So etwas fördert bekanntlich die Blasenbildung.

          Exemplarisch zeigte sich das bei den beiden Empfängern des Stuttgarter Kompositionspreises. Matthias Kranebitter betrachtet seine einfallsreich gearbeitete Studie für Violine und Stereoplayback als soziologische Metapher für die Vereinsamung im Spätkapitalismus, Laure M. Hiendl erstellte eine eindimensionale Textmontage, in der – Generalnenner: Penetration – „die Nähe von heteromaskuliner pornografischer Sprache und Propaganda der Waffenindustrie“ bewiesen wird. „Geil!“ und „Ganz schön ernst“ lauteten die aufploppenden Zuschauerkommentare, und der Laudator Martin Schüttler war beeindruckt von so viel politischem Scharfsinn: „Gnadenlos trifft uns die Brutalität der zynischen Sprache.“

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