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Rainald Goetz in Düsseldorf : Also lautet der Beschluss

Zeuginnen der Anklage, im Sprachgitter gefangen: Sabine Waibel, Melanie Kretschmann, Claudia Hübbecker, Ines Marie Westernströer (von links nach rechts), vier der sieben Darstellerinnen des großartigen Ensembles der Köln-Düsseldorfer Goetz-Inszenierung Bild: Thomas Rabsch

Ein Gerichtsdrama in der Tradition von Peter Weiss fällt sich selbst ins Wort: Stefan Bachmann inszeniert in Düsseldorf „Reich des Todes“ von Rainald Goetz.

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          Dantes „Göttliche Komödie“, das sagte der Kölner Romanist Andreas Kablitz soeben im Deutschlandfunk, unterscheidet sich von anderen Klassikern der Weltliteratur dadurch, dass man den Text schlecht ohne Erläuterungen versteht. Auch Kurt Flasch, der die hundert Gesänge vor zehn Jahren in betont schlichte deutsche Prosa übertrug, um den Dichter aus der Obhut der Philologen zu befreien, sah sich genötigt, seiner Übersetzung eine „Einladung, Dante zu lesen“, beizugeben, einen zweiten Band, der als erster gelesen werden wollte. „Reich des Todes“, das Theaterstück von Rainald Goetz, das am 11. September vergangenen Jahres in Hamburg uraufgeführt wurde, spielt, wie sein Titel ankündigt, in der Hölle. Es zitiert den Präsidenten Bush und dessen Minister, Sicherheits- und Rechtsberater, die nach dem Terrorangriff des 11. September 2001 die amerikanische Republik in einen Schattenstaat verwandelten, der sich das Recht zu Folterungen außerhalb des Territoriums der Vereinigten Staaten zusprach, vor ein Totengericht.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Goetz stellt sich in die Tradition von Peter Weiss, der 1965 unter dem Titel „Die Ermittlung“ Auszüge aus dem Frankfurter Auschwitz-Prozess auf die Bühne brachte, zusammengestellt zu einem „Oratorium in 11 Gesängen“, das ursprünglich als Beginn einer Trilogie angelegt war, die zu den Topoi des Purgatoriums und des Paradieses hätte fortschreiten sollen. Wo aber Weiss Drama und Gerichtsprotokoll fusionierte, indem er in kondensierter Form die Mitschrift herstellte, die in der deutschen Strafprozessordnung nicht vorgesehen ist, da reißt Goetz mit einem nachgereichten Machtspruch das Höllendrama wieder in Stücke. Fünf klassische Akte lang waltet eine unheimliche Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Indem der fromme Präsident, der diabolische Vizepräsident und ihre akademisch höchst gebildeten Schreibhandlanger schon im Moment des Anschlags den vorsorglichen Gegenschlag gegen jedermann beschließen, befinden sie sich schon im Inferno; sie müssen nicht erst dorthin verbracht werden wie die Opfer ihrer Anordnungen nach Guantánamo oder Abu Ghraib. Im Stück tragen sie Namen aus der deutschen Kriegsgeschichte, weil die Theologie kein Vergleichsverbot für Untaten kennt.

          Der Gerichtssaal ist ein Duplikat des Lagers

          Laut den Überschriften des fünften Aktes findet „Der Prozess“ dann in einem „Camp Justice“ statt. Der Gerichtssaal ist ein Duplikat des Lagers, dessen Einrichtung und Unterhaltung der Gegenstand des Prozesses ist, wie die Körperstrafen von Dantes Verdammten die für ihre Laster charakteristischen Leibesbewegungen in karnevalesker Umkehrung nachbilden. Aber dann wird ein Satz gesprochen, der diese kunstvoll hergestellte poetische Gerechtigkeit Makulatur werden lässt: „BESCHLUSS ergeht ohne mündliche Verhandlung.“ Das ist ein Zitat aus den beliebigen Akten eines gleichgültigen Falls, eine Gabelungsregel des deutschen Prozessrechts: Ein Gericht kann zwei Sorten von Entscheidungen fällen, ein Urteil aufgrund einer Hauptverhandlung und einen Beschluss nach Aktenlage. Das Stück legt diesen inhaltsleeren Leitsatz poetologisch aus, als Kritik des dokumentarischen Dramas in der Manier von Weiss. „Die Räume richtig auseinanderhalten. Das Theater ist kein Gericht, und wenn auf der Bühne der Satz gesagt wird, die Verhandlung ist hiermit eröffnet, muß der Aufschrei aus dem Publikum kommen: LÜGE.“

          Müsste nicht spätestens jetzt der Aufschrei „Lüge!“ aus dem Publikum des Düsseldorfer Schauspielhauses kommen, wo „Reich des Todes“ in der Inszenierung von Stefan Bachmann, dem Intendanten des Kölner Schauspiels, einer Koproduktion mit seinem Haus, zwei Wochen nach den feuilletonistischen Feiern zur zwanzigsten Wiederkehr des Totenreichsgründungstages Premiere feiert? Der Status der Verfügung über den Beschluss ist dubios. Mit diesem Satz bezieht sich der Text auf sich selbst. Er ist Teil eines Textteils, der selbst Beschluss im Sinne der zweiten Bedeutung des Wortes im grimmschen Wörterbuch ist, deutsch für Conclusio oder Finis. So stand, wie das Wörterbuch vermerkt, auf alten Theaterzetteln: „zum Beschluss“.

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