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Dürrenmatt am Theater Basel : Gackernde Römer

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Das Theater Basel zeigt Romulus der Große von Friedrich Dürrenmatt mit Steffen Höld und einigen Hühnern Bild: Kim Culetto

Landauf, landab wird Dürrenmatts Frühwerk jetzt wieder gespielt: Franz-Xaver Mayr inszeniert „Romulus der Große“ in Basel – und vermeidet die schlimmstmögliche Wendung.

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          1949, vor fast genau siebzig Jahren, wurde Friedrich Dürrenmatts „Romulus der Große“ (übrigens am Basler Theater) uraufgeführt, und die „ungeschichtliche historische Komödie“ ist, im Gegensatz etwa zu moralinsauren Stücken wie „Der Besuch der alten Dame“, leidlich gut gealtert. Landauf, landab wird Dürrenmatts Frühwerk derzeit wieder gespielt, als Farce über politische Indolenz und merkelmäßiges Aussitzen oder gar, wie zuletzt in Weimar, Staatsversagen angesichts einer Flüchtlingskrise.

          Die Barbaren stehen jedenfalls vor der Tür, und Romulus, der Insolvenzverwalter der abendländischen Zivilisation, hat nichts Besseres zu tun, als die Legeleistungen von Hühnern wie Marc Aurel oder Odoaker zu kontrollieren und Spargelwein zum Morgenessen zu trinken. Das entspricht nicht ganz den historischen Tatsachen. Der Hühnerzüchter auf dem Kaiserthron war Honorius, der fünfzehn Jahre alte Romulus kein Kulturzerstörer, und die Germanen kamen nicht als Invasoren aus den Wäldern, sondern waren längst da, als Söldner und Sklaven. Aber Sätze wie „Wer einen großen Skandal verheimlichen will, inszeniert am besten einen kleinen“ passen ganz gut in die Ära Trump. In Basel schwadroniert Reichsmarschall Tullius Rotundus, er werde einen Wall gegen die Barbaren bauen, den diese sogar selber bezahlen müssten.

          Die Römer tragen natürlich keine Hosen

          Das sind kleine unhistorische Späßchen, die nach dem Willen des jungen Wiener Regisseurs Franz-Xaver Mayr ebenso wie Choreinlagen, kollektive Hüpfer und Gewitterdonner das steife byzantische Hofzeremoniell wie auch Dürrenmatts Lehrstück ein wenig auflockern sollen. Die Römer tragen natürlich keine Hosen, sondern Rock und Toga, Trash-Sandalen und altägyptische Ponyfrisuren, und auch die Bühne ist zwischen Antike und Gegenwart angesiedelt: Im Zentrum steht eine Villa im hellen Sonnenlicht Kampaniens, am Rande weisen Lautsprecher und ein Bankautomat dezent auf modernere Zeiten hin.

          Stefan Höld ist ein tiefenentspannter Romulus. Lässig, leise, sanft und verständig, nur selten dozierend oder aufbrausend, regelt er die letzten Amtsgeschäfte und Familienangelegenheiten. Seine Rolle als Richter nimmt er nicht allzu ernst, die letzten Lorbeerblätter verteilt er ohne Wehmut. Der Philosoph ist auf dem Thron so stoisch unaufgeregt und fehl am Platz wie die drei Riesenhühner im Hintergrund. Umso nervöser gackern und gockeln die Hofschranzen. Reiterpräfekt Spurius Titus Mamma bleibt mit seinen Hiobsbotschaften ungehört, der Kunsthändler bietet Raubkunst zu Sonderpreisen feil, der Minister wiegelt ab und auf. Landesmutter Julia fordert von ihrem Mann mehr Würde, Tochter Rea mehr patriotisches Pathos.

          Zeno, der Kaiser von Ostrom, ist bei Katja Jung ein dröhnender Feigling, der seinen weströmischen Kollegen ständig an seine weltgeschichtliche Mission erinnert, während Hosenfabrikant Cäsar Rupf eher die Kunst des Deals verkörpert. Der Kriegsheimkehrer Aemilian bringt so etwas wie blutigen Ernst in das groteske Weltuntergangstheater: Mit Schlamm beschmiert, ist er der Störenfried und Spielverderber aus der Wirklichkeit draußen.

          Am Ende mündet das muntere Treiben am kaiserlichen Hühnerhof in ein Streitgespräch über Nichtstun als Widerstand und Politikverweigerung als praktische Humanität: „Man setzt nicht eine Welt in Brand, die schon verloren ist“. Aber die von Romulus herbeigesehnte Apokalypse fällt aus, sein Opfer ist umsonst: Odoaker zeigt wenig Neigung, das schwere Erbe Roms anzutreten, und schickt stattdessen seinen Hühnerfreund in Pension. Gemeinsam brüten die Möchtenichtgern-Imperatoren die Idee einer besseren Welt ohne Gewalt, Ausbeutung und Krieg aus. Die Utopie wäre des Schweißes indolenter Staatsmänner und Schweizer Satiriker wert, aber das Ei des Kolumbus finden auch sie nicht. Am Ende fängt alles wieder von vorne an, mit dem ins Nichts fragenden „Hallo?“ des Reiterpräfekten.

          „Wer so aus dem letzten Loch pfeift wie wir alle, kann nur noch Komödien verstehen“, aber die tragische Seite der Geschichte bleibt in Basel dabei unterbelichtet. Wenn der Kaiser mit seinem unheroischen Defätismus im Hühnerhof wie in der Welt scheitert, ist das nur Anlass für aufgeregtes Gegacker. Romulus durchschaut die Sinnlosigkeit von Vaterland und Heldentum, aber zum Landesverräter aus Überzeugung fehlen ihm dann doch Mut und Mumm. Dem bitteren Sarkasmus und der Resignation zieht er heiter lächelnd sein dolce far niente vor.

          Taugt für die Pfanne

          Mayr hat das behäbige Lehrstück des alten Schicksalsphilosophen Dürrenmatt, seine altphilologisch gebildete Parodie auf den Untergang des Abendlandes nicht ungeschickt modernisiert. Im Basler Geflügelstall werden Eier und Einfälle im Minutentakt gelegt, wenn auch nicht immer motiviert oder gar komisch: Die Römer schlagen sich die Eier grundsätzlich auf der Stirn auf, der Kammerdiener reicht krähend den Salzstreuer dazu. Tom Kühnel inszenierte den „Romulus“ kürzlich im Zürcher Neumarkt-Theater als Klamaukshow, über selbst die Hühner nur noch lachten: Romulus war Hitler im Führerbunker und der Dalai Lama in Freilandhaltung, Odoaker eine Kreuzung zwischen Otto und Rudi Carrell. In Basel wird diese schlimmstmögliche Wendung der Geschichte vermieden.

          Aber ob gerupft, als geflügeltes Wort serviert oder als kabarettistisches Hühnerklein entbeint: Es scheint, als ob Dürrenmatts Hühnerzüchter-Satire heute nur noch für die Pfanne taugte. Dürrenmatt wollte sein Stück nicht als Gewitzel „irgendwie zwischen Theo Lingen und Shaw“ vergackeiert wissen, aber so ist es dann letztlich doch gekommen. „Wo die Hose anfängt, hört die Kultur auf“. In Basel heißen die Hosen „Hoesen“, bis Odoaker die Römer über ihren Irrtum aufklärt.

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