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Nach vielen Jahren und noch mehr Millionen kehrt Claire Zachanassian (Katarina Karnéus) in ihren Heimatort Güllen zurück. Ihr Ziel: Rache. Bild: Werner Kmetitsch

Neue Oper in Wien : Hier kommt Claire, millionenschwer

  • -Aktualisiert am

Dürrenmatts Komödie „Der Besuch der alten Dame“ ist jetzt als Oper in Wien zu sehen. In dem Stück rechnet eine Millionärin mit ihrer Vergangenheit ab – mit erstklassiger Besetzung.

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          Ihr Auftritt ist spektakulär: Lautstark quietschend hält der Zug, den Claire Zachanassian, die millionenschwere „alte Dame“, kurzerhand per Notbremse zum Stillstand bringt, um in ihrem Heimatort Güllen aussteigen zu können. Schnellzüge halten schon lange nicht mehr in dem heruntergekommenen Dorf, das an chronischem Geldmangel leidet und nun auf die Stiftung seiner früheren Mitbürgerin hofft. In das Grau in Grau des verfallenden Orts platzt die grellgelb gekleidete Claire mit einem Panther an der Leine, im Gepäck einen Sarg.

          Das (von Michael Hinterhauser dargestellte) Raubtier verheißt nichts Gutes, war doch Alfred Ill, Claires früherer Geliebter, in seiner Jugendzeit als „schwarzer Panther“ bezeichnet worden. Doch nicht das Tier soll Jagd machen auf den mittlerweile ergrauten Kaufmann, sondern das ganze Dorf: Eine Milliarde verspricht Claire, die frühere Klara Wäscher, der Güllener Gemeinde, wenn Alfred, der sie einst schnöde sitzenließ, getötet wird.

          Luxus auf Pump

          Gegen den anfänglichen Widerstand Friedrich Dürrenmatts formte der österreichische Komponist Gottfried von Einem 1971 aus dessen parabelhafter Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“ (1955) eine erfolgreiche Oper. Dazu hatte es allerdings der hartnäckigen Überredungskunst von Einems bedurft, der Dürrenmatt Ende der sechziger Jahre einlud, seine 1947 für die Salzburger Festspiele entstandene Oper auf Georg Büchners Geschichtsdrama „Dantons Tod“ zu besuchen, die damals gerade an der Wiener Staatsoper lief. Die Büchner-Vertonung überzeugte Dürrenmatt schließlich, sein Theaterstück in ein Libretto umzuarbeiten. Daher werden nun beide Opern anlässlich der hundertsten Wiederkehr des Geburtstags von Einems in Wien gezeigt: „Dantons Tod“ feiert am kommenden Samstag, dem 24. März, in einer Inszenierung von Josef E. Köpplinger unter der Leitung von Susanna Mälkki Premiere; „Der Besuch der alten Dame“ läuft nun bereits am Theater an der Wien.

          Die Bewohner der hoch verschuldeten Kleinstadt Güllen erinnern sich zunächst nicht an Claire, sind aber umso gieriger auf ihr Geld.

          Sinnvollerweise versucht der Regisseur Keith Warner zu zeigen, dass Dürrenmatts „Tragische Komödie“ immer noch bittere Relevanz besitzt. In der Tat ist durch die Dynamik des Kapitalismus weder die Gier nach Geld geringer geworden noch die Moral der Gesellschaft höher. Und so scheint es zweifelhaft, ob Menschen von heute Claires unmoralischem Angebot widerstehen würden. Doch zunächst lässt Warner die bissige Parabel im Nachkriegseuropa beginnen, wie das Original. Der Ausstatter David Fielding taucht das Szenario anfänglich ganz in Grau: Erhöht auf Metallsäulen stehen Miniaturhäuser, über denen eine Spielzeugeisenbahn hin und her rast. Dann und wann werden realistisch große Details von diesen Liliput-Schauplätzen aus dem Schnürboden herabgesenkt: das Tor des Bahnhofs, die Festtafel im Saal des Wirtshauses „Goldener Apostel“, die Sakristei des Pfarrers, der Laden von Ills Kaufhaus.

          Doch mit Fortdauer der Oper werden das Bühnenbild und die Kostüme ähnlich bunt wie die stets in schrilles Blau, Rot oder Gelb gekleidete Claire, die Katarina Karnéus trotz der für die Rolle vorgeschriebenen Beinprothese resolut durch die Szene staksen lässt, als hätte sich Sophie Rois in eine Opernaufführung verirrt. Die lockende Milliarde vor Augen, kauft sich die Güllener Bevölkerung auf Pump neue Kleider, Schmuck und Accessoires. Mit Hilfe von Werbeplakaten aus unterschiedlichen Epochen, aus denen dann und wann der Arnold Schoenberg Chor lugt, treibt Warner das Geschehen sukzessive in unsere Gegenwart. Die Hinrichtung Alfred Ills wird schließlich als ausgelassene Reality-TV-Party im klinisch weißen Saal des mittlerweile renovierten Wirtshauses gefeiert: um der Gerechtigkeit willen, wie Bürgermeister und der Lehrer beteuern.

          Gelungene Hommage an den Drehbuchautor

          Dank dem Dirigenten Michael Boder, der das kompakt spielende ORF Radio-Symphonieorchester Wien ganz hervorragend vorbereitete, gelingen auch die zahlreichen Ensembleszenen mit großer Sicherheit, so dass sich die Solistinnen und Solisten prächtig entfalten können: Die schwedische Mezzosopranistin Katarina Karnéus vermag ebenso schrill zu keifen wie glockenreine Spitzentöne zu singen. Die extremen Tiefen der Partie umschifft sie gekonnt mit Sprechgesang. Ausgezeichnet vermittelt der kanadische Bariton Russell Braun stimmlich wie darstellerisch den dubiosen Charakter Alfred Ills. Und Markus Butter hat als nicht minder zwielichtiger Pfarrer einen großen Auftritt, indem er sein Tennisracket schwingt, als wolle er Ill damit erschlagen. Mit Adrian Eröd als Lehrer, Raymond Very als Bürgermeister und Martin Achrainer als Arzt, stellvertretend genannt für das homogene Ensemble, sind auch andere kleinere Rollen erstklassig besetzt.

          Eine gelungene Hommage an Gottfried von Einem, dessen Musik sich stets in den Bahnen einer erweiterten Tonalität bewegt. Deshalb mag man seinen „Besuch der alten Dame“ zwar als eklektisch bezeichnen, aber dramatisches Geschick wird man von Einem nicht absprechen können. Vor allem durch eine differenzierte Dramaturgie der Klangfarben charakterisiert allein der Orchestersatz die einander widerstreitenden Motive der Protagonisten. In Kombination mit den rezitativischen Gesangslinien, die trotz der manchmal etwas dick geratenen Instrumentierung stets verständlich bleiben, gelingt es von Einem, die mahnenden Worte Dürrenmatts zu unterstreichen: Der „schwarze Panther“ ist am Ende tot und mit ihm die Moral.

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