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Dürrenmatt in Frankfurt : Alles reiner Zufall

  • -Aktualisiert am

Unbeschwerte Zeiten: Torben Kessler als Kommissar Matthäi und Zoe Kindler als Lockvogel Annemarie Bild: Birgit Hupfeld

Das Frankfurts Kammerspiel besinnt sich mit einer Aufführung von „Das Versprechen“ auf Dürrenmatt. Nur sollte einer wohlmeinenden Absicht auch eine entsprechende Umsetzung folgen.

          3 Min.

          Da nahm er raus ein Messerlein, Messerlein, Messerlein.“ Der Spannungssteigerung folgt die Katastrophe: „Und stach ihr in das Herz hinein“. Kinderlieder wie diese Version von „Mariechen saß auf einem Stein“ können erschreckend böse sein. Vor allem, wenn sie genauso fröhlich gekräht werden wie die guten. Nachzuprüfen ist das im Frankfurter Kammerspiel, wo nach diesem beklemmenden Auftakt einige der kleinen Mädchen vom Gesang nahtlos zur Rolle des potentiellen Opfers wechseln, dem das Rasiermesser eines Serienmörders droht.

          Viele werden anfangs den Filmklassiker „Es geschah am helllichten Tag“ wiedererkennen, in dem 1958 Heinz Rühmann als kühl beherrschter Kommissar und Gert Fröbe als psychotischer Mörder brillierten. Dass nach wenigen Minuten ein völlig anderes Ende vorweggenommen wird, liegt am Roman „Das Versprechen“, den Friedrich Dürrenmatt nach dem Verfassen des Drehbuchs schrieb. Ihn hat Markus Bothe nun als Kaleidoskop aus Film und Buch inszeniert.

          „Die Stimmen wollen es so“

          Im „Versprechen“ lässt Dürrenmatt seinen Schweizer Kommissar Matthäi scheitern. Der zähe Deuter winziger Details und Schachmeister aller Winkelzüge des kranken Mörderhirns wird hier vom Zufall besiegt: Nachdem Matthäi die rätselhaften Igel und den schwarzen Zauberer der Kinderzeichnung eines Opfers als Schokoladentrüffel und Herrenanzug identifiziert und gleich darauf in einem gekritzelten Fabeltier den Steinbock, der alle Autokennzeichen des Kantons Graubünden ziert, erkannt hat, sich daraufhin an einer Tankstelle, die alle Betreffenden anfahren müssen, auf die Lauer legt und die kleine Tochter seiner ahnungslosen Haushälterin erfolgreich als Lockvogel einsetzt, nachdem also die unausweichliche Falle gestellt ist - verunglückt der Täter auf der Fahrt zum geplanten Mord tödlich. Nichts geschieht, die Polizei schließt die Akte, Matthäi, der darüber zum Trinker und Ausgestoßenen wird, bleibt und wartet. Als Jahre später durch einen neuen Zufall - die Witwe des Mörders beichtet - der wahre Sachverhalt herauskommt, ist es zu spät: der Exkommissar, längst ein Wrack, wird bis ans Ende seiner erbärmlich einsamen Tage warten.

          Dürrenmatts entscheidende Wende demaskiert alle Beteiligten als Getriebene, zeigt - wie das Kinderlied - Mord und Mitleid als zwei Seiten einer obsessiven Medaille. So sitzt zum Beispiel dem Mörder Albert Schrott, unterwürfiger Ehemann einer dreißig Jahre älteren Frau, neben dem Wahn - „die Stimmen wollen es so“ - auch die Gattin im Nacken, ein von unterdrückten Lüsten gegeißelter weiblicher Dämon, der ihn gewähren lässt, um ihn danach umso grausamer zu strafen.

          Emotionale Vereisung

          Viktor Tremmel hält als Albert kluge Distanz zu Gert Fröbes legendärem Psychopathenfuror. Er begnügt sich mit alarmierenden kleinen Gesten wie dem krampfigen Streichen über den straffen Scheitel oder dem nervösen Kneten seines Sakkosaums. Auch als Sexualtäter von Guten, der wegen analoger Vorstrafen verdächtigt wird und sich, weil keiner seine Unschuld glaubt, umbringt, meidet der Schauspieler den Vergleich. Im Film lieferte der greise Michel Simon eine geniale Charakterstudie, Viktor Tremmel gibt eine dem Kammerspiel angemessene Verzweiflungsskizze.

          Gaby Pochert, die blasseste Routine bietet, wenn sie die leidrasende Mutter eines der Opfer darstellt, die Matthäi das titelgebende Versprechen, den Mörder zu finden, abfordert, steigert sich in der Rolle der Gattin zur tiefgefrorenen Megäre. Dass sie damit zuweilen an das Frauenmonster der Elisabeth Flickenschildt in Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ erinnert, dürfte Absicht des Regisseurs sein: Markus Bothe lässt auch Dürenmatts Obsessionen - die der kalten Frau ist eine seiner größten - in denen der Bühnenfiguren aufblitzen.

          Matthäis Obsession ist die des unbesiegbaren, alles und alle beschützenden Mannes. Will sagen: des Einzelgängers, der, selbst unbeteiligt, die Welt in Schach hält. „Ich wollte die Welt zwar bewältigen, aber nicht mit ihr leiden“, heißt es einmal im Roman. Torben Kessler gibt seinen Kommissar anfangs besonnen und zurückhaltend. Noch ahnt der Zuschauer nicht, dass der gewellte Schneehügel des Bühnenbilds von Alexandre Corazzola, (aus dem später die Kinderzeichnungen wie die blutigen Kritzeleien eines George Grosz auftauchen), die innere Erstarrung dieses Einsamen nach außen trägt. Doch wenn Kesslers Matthäi sich verbeißt, immer fanatischer auf seinen Erkenntnissen beharrt, beginnt man zu frieren vor so viel eisernem Willen - Eiswelt.

          Vereist sind, jeder auf seine Weise, alle Beteiligten: Die Mütter wollen Rache, die Menge will Lynchjustiz, die Polizei will einen Mörder, und die Kinder, sich aufs Erwachsensein vorbereitend, singen so munter vom gemordeten Mariechen wie sie anfangs traurig den Todeschoral „So nimm denn meine Hände“ gesungen haben.

          Hilflose Routine

          So weit die Inszenierungsabsicht. Sie schimmert gelegentlich auf. Doch zwischen den gelegentlichen Höhenpunkten dehnt sich laue hilflose Routine. Statt einer erschreckenden Fallstudie der Unwägbarkeiten, die in jedem lauern, statt der Doppelnatur, die Dürrenmatt in Mörder und Kommissar aufteilt, um beide als siamesische Zwillinge zu entlarven, sehen wir - Dramaturgie Claudia Lowin - die theatralische Umsetzung eines Zettelkastens zum Thema „Abgrund Mensch“. Und so bleibt denn Till Weinheimer und Christoph Püttner, zwei ausgewiesen guten Schauspielern, nichts anderes als auf Vorabendkriminiveau zu agieren.

          Den Zufall als Kehrseite der Logik, das unberechenbare Böse in uns, dem immer auch das Gute zum Opfer fallen kann, beschäftigte Dürrenmatt. In Frankfurts Kammerspiel langt es, von einigen düsteren Momenten abgesehen, nur zum Böschen. Sympathisierender Applaus.

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