https://www.faz.net/-gqz-9w4pu

Tänze im Vigeland-Museum Oslo : Lebensleiber in Museumsunterwelten

  • -Aktualisiert am

„The dark fountain“: Tanzende Körper vor Weltenträgern, choreographiert von Erna Omarsdottir und Damien Jalet. Bild: Nagelhus Schia Productions

„Duels“ ist eine tänzerische Reise durch das Vigeland-Museum in Oslo, entworfen von Damien Jalet und Erna Omarsdottir. Fünfzig Zuschauer dürfen die Tänzer durch die Säle des einstigen Bildhauerateliers begleiten.

          3 Min.

          Vor bald sieben Jahren schickte der frankobelgische Choreograph Damien Jalet ein Ensemble von Tänzern durch die Skulpturensäle des Musée du Louvre und ließ sie ihren ineinander verschlungenen Kampf der Körper gegen Schwerkraft und Erschöpfung austragen. Die in den Stein eingeschlossene Energie der Skulpturen, das wie im Moment angehaltene Leben übertrug sich. Wie unkalkulierbar, prekär und gefährlich erschienen die wirklichen Leiber mit ihren Schrunden und Malen, Haaren, Augen und Nägeln gegenüber den marmornen. Das waren „Les Médusés“, die vom Blick der Medusa Versteinerten, die nur von der Magie, dem Ritual, der Kunst in Bewegung zu Versetzenden.

          Wie man eine solche Nähe, Hitze und Intensität erzeugen kann, dass sich die Starre löst, dass sich Räume einer anderen Zeit öffnen, Zugänge zu fremden Welten, darum geht es in den Inszenierungen des dreiundvierzigjährigen Jalet. Viel ist seither geschehen. Jalet, ein Überlebender der Pariser Attentate, hat die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Antony Gormley, Marina Abramovic und Jim Hodges, mit Filmregisseuren, Popsängern und Tänzern fortgesetzt und nach dem Film „Suspiria“ und Thom Yorkes Musikvideo „Anima“ vier Songs von Madonnas derzeitiger Tour choreographiert und die Sängerin künstlerisch beraten.

          Nun hat er in Oslo abermals Tänzer Skulpturen gegenübertreten lassen. Am Rande des Frognerparks liegt ein imposantes, längliches Gebäude aus Backstein. Hier arbeitete bis zu seinem Tod 1943 Norwegens berühmtester Bildhauer Gustav Vigeland. Oslo hatte ihm das Haus auf Lebenszeit als Atelier zur Verfügung gestellt, im Gegenzug versprach Vigeland, sein künstlerisches Schaffen dem Staat zu hinterlassen. Seine überlebensgroßen Steinmenschen schuf er, um sie in einem eigenen Skulpturengarten, der „Vigelandsanlegget“ im Frognerpark, aufzustellen.

          Die Museumswelt der Versteinerten

          Dort findet man den Zirkel des Lebens aus Bronzeleibern, das turmhohe Monument aus Leibern in jedem Lebensalter von der Geburt bis zum Tod, und auch die als große Fontäne dienende, von sechs dem Atlas nachempfundenen Helden getragene Schale. Die übernatürliche Monumentalität der mehr als zweihundert Statuen wirkt mitunter fremd und unheimlich. Aber Vigelands naturalistische Plastik, deren kleinere Entwürfe im Atelier-Museum ausgestellt sind, verherrlicht nicht. Sie vereinfacht zwar die menschliche Gestalt, vergrößert und rundet sie ab, vergröbert sie auch, aber fügt sie mit anderen Gestalten auf eine Weise zusammen, die anrührend und geradezu idealistisch wirkt.

          Ein Mann hält den Leib eines dafür fast zu großen Kindes schützend in den Armen. Drei laufende Kinder strahlen so zum Spiel entschlossen, dass man sich ihnen keineswegs entgegenstellen möchte. Eine Familie, Frau, Kinder, Greis, rennt wie um ihr Leben, den Schrecken im Gesicht. Paare stehen beieinander in Verehrung und Anziehung. Ihnen allen ist eine kraftvolle, fremde, seltsame Anmutung eigen.

          Ebenjene versteht man noch besser, ohne das Fremde einzuebnen, das aus einer anderen Zeit Kommende, einem rauhen Land Entstammende, mit dem Meer zur einen, den Bergen zur anderen Seite. All das versteht man noch besser, wenn sich die Tänzer des Ensembles Nagelhus Schia vor ihnen versammeln. Jalets künstlerische Gefährtin bei vielen Produktionen, die isländische Choreographin, Tänzerin und Rocksängerin Erna Omarsdottir, stellt den Charon dar, der das Publikum über die Flüsse ästhetischer Trennung zwischen der Gegenwart und Vigeland trägt, und schnell ist man angekommen in der Museumsunterwelt der Versteinerten von vor hundert Jahren.

          Herrliche und virtuose Uraufführung

          Anders als im Louvre folgt hier das Publikum Omarsdottir und den Tänzern in mitunter recht kleine Säle. Es sind nur fünfzig Zuschauer, gut doppelt so viele wie Tänzer, die verfolgen, wie Omarsdottir als sprechender Baum, der schon sechs Weltkriege und seit Adam und Eva unendlich viele Liebespaare gesehen hat, sich räuspert, wie unter Gedächtnisstörungen leidend innehält oder in wilde Gesänge oder Geschrei ausbricht.

          Das Duett im ersten Raum handelt von Paaren, hier stehen Vigelands Amor und Psyche, hier tanzen Thyri Huld Árnadóttir und Shintaro Oue das Ringen um Liebe, Verschmelzung und Freiheit in schwarzen Hosen und mit nackten Oberkörpern zum Fürchten brutal und archaisch. Es stammt aus Sidi Larbi Cherkaouis und Damien Jalets Erfolgsstück „Babel“ und wirkt hier wie eben neu geschaffen.

          In bunten T-Shirts und Hosen sind einander drei Männer Halt und Sprungbrett, eine herrliche und virtuose Uraufführung Jalets mit den Mitteln der Contact Improvisation. Mit Gewichtsverlagerungen geben die Tänzer einander Impulse zu den überraschendsten Konstellationen.

          Die Werke lebendig werden lassen

          Im nächsten, sehr großen und sehr hohen Raum tauchen zwölf Frauen mit kirschroten Schnüren um den Körper in eine Gruppenchoreographie aus dem Film „Suspiria“, dem Horrorthriller-Remake mit Tilda Swinton, dessen Tänze Jalet 2018 bei den Dreharbeiten schuf. Diese Rückübersetzung ins Dreidimensionale offenbart natürlich erst die Raffinesse des Ineinandergreifens der Regungen dieser ein Dutzend jungen Frauen.

          In jedem Raum überraschen neue überwältigende Bilder, die den Statuen korrespondieren und den Kampf mit der Natur, den Bestien unserer Phantasie, der Angst vor dem Tod oder den Schmerzen einer Geburt zeigen. Im letzten Raum des Parcours singen drei Sänger a cappella ein traditionelles georgisches Lied, und ihre trauernden, zärtlichen Stimmen schmiegen sich tröstlich um das Paar.

          Der Mann reißt mit den Zähnen an den Kleidern der Frau und versucht verzweifelt, den reglosen Körper der toten Geliebten wieder in Bewegung zu bringen, ins Leben zurückzuholen. Schöner könnte diese Stunde nicht enden, in der es um die einzigartige Fähigkeit der Kunst geht, die toten, vorausgegangenen Künstler, ihre Werke, ihr Denken lebendig werden zu lassen im Dialog.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Patient im Intensivzimmer eines bayerischen Krankenhauses.

          Coronavirus : Krankenhäuser reduzieren Betten für Covid-Erkrankte

          Nur noch zehn Prozent der Intensivbetten werden künftig freigehalten: Ärzte befürchten bei einer zweiten Welle Engpässe in der Pflege. Der Präsident der Bundesärztekammer warnt davor, auf die Quotenregelung ganz zu verzichten.
          Dunkle Wolken über Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit im Prenzlauer Berg (Archivbild)

          Immobilienmarkt : Der Mietendeckel verschärft Berlins Wohnungsnot

          In Berlin können Mieter bald verlangen, die Miete auf eine gesetzlich vorgegebene Grenze zu senken. Schon jetzt wirkt sich das umstrittene Instrument zur Preisdämpfung massiv auf den Wohnungsmarkt aus. Selbst die Genossen sind verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.