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Pendereckis Sechste in Dresden : Hören, wie der Tau im Gras perlt

Krzysztof Penderecki Bild: Bruno Fidrych

Die sechste Symphonie von Krzysztof Penderecki ist ein chinesischer Liederzyklus. Sie wurde jetzt erstmals in Europa aufgeführt.

          Süß, aber unheimlich sei der Klang der Erhu, sagt Krzysztof Penderecki, als wir uns vor dem Konzert treffen. Er kennt diese zweisaitige chinesische Geige seit langem, und er schätzt ihren klanglichen Reiz. Der hat, zugegeben, etwas Idyllisches, aber für unser europäisches Empfinden auch Menschenfernes. Es ist Besuch aus einem Reich ohne Fleisch und Blut, Botschaft von Luftwesen, jedenfalls so, wie Zen Hu dieses Instrument behandelt. Vier Zwischenspiele für Erhu erklingen jetzt in Dresden, bei der europäischen Erstaufführung von Pendereckis sechster Symphonie, zum ersten Mal öffentlich: wie pentatonische Perlmutt-Intarsien im alteuropäisch dunklen Holz von acht aufgewühlten Liedern für Bariton und Orchester nach chinesischer Lyrik des achten bis zwölften Jahrhunderts in der deutschen Übersetzung von Hans Bethge.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Welt hat lange warten müssen auf diese Sechste. Seit ihrer ersten China-Reise, das ist mittlerweile einundzwanzig Jahre her, sind Krzysztof Penderecki und seine Frau Elzbieta Penderecka fasziniert von dem Land und mindestens zwei- bis dreimal pro Jahr dort. Schon damals hatte Penderecki den Zyklus „Chinesische Lieder“ konzipiert und als seine sechste Symphonie vorgesehen, doch dann wurden die oratorische Siebte über "Die sieben Tore Jerusalems" und die Achte mit ihren gesungenen Vergänglichkeitsbetrachtungen nach Texten von Joseph von Eichendorff, Hermann Hesse oder Johann Wolfgang von Goethe früher fertig. Die Sechste blieb über zwanzig Jahre lang eine Leerstelle; Penderecki ließ sie hartnäckig frei, wie er in seinem dreißig Hektar großen Arboretum in Luslawice bei Krakau manche Stellen für ganz bestimmte Bäume frei lässt, die er dort - mit knapp fünfundachtzig Jahren - immer noch selbst pflanzen will.

          Europäische Premiere in Dresden

          In China, in Guangzhou, ist die Sechste vor einem halben Jahr uraufgeführt worden. Die Dresdner Philharmonie, die das Werk gemeinsam mit dem chinesischen Orchester in Auftrag gegeben hat, übernimmt im neuen, warm und saftig klingenden Saal des Kulturpalastes die europäische Premiere. Cristian Macelaru, gerade als künftiger Chefdirigent des WDR Sinfonieorchesters in Köln annonciert, spürt instinktiv, was diese Musik braucht. Im zweiten Lied nämlich, fast eichendorffisch „In der Fremde“ übertitelt, spannt sich gegen Ende eine große Erwartung auf: „der Mond, der Mond“. Doch mit dem folgenden Satz - "Und neigte das Gesicht zur Erde hin" - wird eine Enttäuschung hörbar, die nicht nur der Bariton Stephan Genz, ganz erlesen durchgearbeitet, hören lässt, sondern auch Macelaru, wenn er das Bratschensolo von Christina Biwank in fahle, matte Farben taucht und die orchestrale Spannung erschlaffen lässt. Den schmerzlichen Riss zwischen Mensch und Natur wird auch Penderecki nirgends schließen.

          Hans Bethges Sammlung „Die chinesische Flöte“ diente schon Gustav Mahler als Textgrundlage für „Das Lied von der Erde“, ebenso Richard Strauss, Arnold Schönberg oder Hanns Eisler. Penderecki, seit Kindesbeinen durch seinen deutschen Großvater mit der Sprache vertraut, liebt als Pole das Deutsche. Es sei eine sehr musikalische, gut singbare, leicht auszusprechende Sprache, ähnlich wie das Lateinische, das Penderecki häufig benutzt hat. Bei Stephan Genz bemerkt man nicht nur die sprachliche Sorgfalt beim Singen, sondern auch die sichere Führung der Stimme. Wenn er schon im ersten Lied, auf den Worten „wann die Erde schläft“, leise das hohe d ansteuert und dann auf dem Spitzenton noch staunend-behutsam leiser wird, kann man einen Sänger erleben, der seine Stimme vollkommen im Griff hat.

          Unausgegorenes wird man hier nicht finden

          Musikalisch ist es, als schlössen diese „Chinesischen Lieder“ direkt an die Wiener Welt vor hundert Jahren an: weniger an Gustav Mahler, mit dessen egopsychischer Larmoyanz sie wenig zu tun haben, als vielmehr an die dekorfreudige Nervenmusik, die sinnlich flirrende Moderne eines Franz Schreker, Alexander Zemlinsky oder Erich Wolfgang Korngold, die von den ästhetischen Säuberungsaktionen des zwanzigsten Jahrhunderts aus der Welt geschafft werden sollte. Penderecki, anders als sein Generationskollege Alfred Schnittke, trauert nicht über den zerbrochenen Sprachzusammenhang. Er spricht einfach weiter, lässt „Die wilden Schwäne“ in stabilem es-Moll einfliegen und malt das Wasser, auf dem das Schiff „leicht dahin“ treibt, mit Barkarolen-Kräuseln der Oboe.

          Das Heimweh nach der Welt des langen neunzehnten Jahrhunderts hört man heute mehr und mehr bei den Komponisten, die noch für Orchester zu schreiben verstehen. Bei Penderecki kommen eine souveräne Zuspitzung der Gedanken und koloristische Virtuosität dazu. Unausgegorenes, Zielloses wird man hier nicht finden. Das musikalische Bild vom perlenden Tau auf dem Gras - drei Solocelli mit Klarinette und Harfe - ist lakonisch, aber sinnlich stark. Die gekräuselte Wasseroberfläche des Teiches im „Nächtlichen Bild“, mit polyrhythmischen Überlagerungen der Streicher, beschwört noch einmal das Raffinement von Richard Strauss. „Jetzt fehlt mir noch eine Symphonie“, sagt Penderecki, braungebrannt, jugendlich, aber gelassen. Es wird die Neunte sein; sie ist bereits in Arbeit.

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