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Dirigent über Heinrich Schütz : „Einer der intelligentesten Komponisten aller Zeiten“

  • -Aktualisiert am

Der Dresdner Kammerchor mit seinem Dirigenten (Mitte) Bild: David Pinzer

Zwanzig Folgen wird die Einspielung aller Werke von Heinrich Schütz mit dem Dresdner Kammerchor umfassen – ein Mammutprojekt von vierzehn Jahren. Ein Gespräch mit dem Dirigenten.

          Herr Rademann, 2006 haben Sie Ihre Gesamteinspielung der Werke von Heinrich Schütz mit dem Dresdner Kammerchor begonnen, deren letzte Produktionen nun in den nächsten Monaten erscheinen werden. Fast vierzehn Jahre mit Schütz, der beherrschenden Gestalt deutscher Musik im siebzehnten Jahrhundert, gleichsam als Grundton zum sonstigen, weitgespannten Repertoire – macht das etwas mit einem?

          Ja, das tut es. Man lernt – und das kommt einem dann auch bei späteren Komponisten zugute – auf die Klarheit der Wort-Ton-Beziehungen zu achten und aus ihnen heraus die Interpretationen zu gestalten. Da geht es nicht so sehr, wie dann später von der Bach-Zeit bis ins zwanzigste Jahrhundert, um Grundstimmungen, die sich in langen Linien entwickeln und an bestimmte melodisch-rhythmische Formeln gebunden werden, sondern wirklich um ein „Nachlesen“ und klangliches Verbildlichen der Botschaften jeder einzelnen Textsequenz: Wortgruppe für Wortgruppe, Satz für Satz, bis sich daraus ein Ganzes fügt.

          Das klingt anstrengend – nicht nur für die Interpreten, auch für die Hörer.

          Ja, es ist nicht so massentauglich wie eine schwungvolle Belcanto-Arie oder ein moderner Pop-Titel. Aber es macht vielleicht mehr Spaß beim Mitgehen und Entschlüsseln, weil Schütz als einer der intelligentesten Komponisten aller Zeiten umwerfende Bilder zu setzen versteht. In einer seiner „Symphoniae Sacrae“ gibt es diese bekannte Stelle aus dem Lukas-Evangelium: „Was siehest du einen Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewahr?“ – und hier komponiert er nun diesen „Balken“ als einen überlangen und aufdringlichen, quer gegen die anderen Stimmen stehenden Ton: Sichtbehinderung als Klangbehinderung sozusagen. Oder die Motette „Ich bin ein rechter Weinstock“, zu der mir eines Tages, als ich unsere Radebeuler Weinberge bei Dresden sah, aufging, dass Schütz genau solche Terrassenstrukturen mit ihren rhythmisch versetzten Stützmauern gleichsam ins Musikalische übersetzt und poetisch-rhetorisch abgebildet hat.

          Er hat die Musik von Heinrich Schütz schon als Kind im Kreuzchor verinnerlicht: Hans-Christoph Rademann

          Nur dass der Hörer, wenn er sie hört, meist gerade keine Weinberge vor Augen hat.

          Ja, es braucht bildliches Vorstellungsvermögen, es braucht aber vor allem erst einmal ungestörte Zeit, inneren Freiraum und den Willen, sich wirklich konzentriert auf diese Angebote einzulassen, sie nicht nur im Vorbeigehen mitnehmen zu wollen. Das ist so ähnlich wie bei hochwertigen Comics, die man oft auch nicht gleich mit dem ersten Blick verstehen und durchdringen kann. Was wir dabei als Interpreten tun können, ist vor allem: plastisches Musizieren bei optimaler Textverständlichkeit, um entsprechende Assoziationen zu öffnen. Trotzdem wird sicher nicht jede Pointe „landen“ und oft eine gewisse Mehrdeutigkeit bleiben. Aber Schütz drängt doch sehr nachdrücklich in bestimmte Richtungen und tut schon von sich aus vieles, um uns bei der Verbindung von Worten und Klangbildern auf den „rechten Weg“ zu bringen – zum Beispiel durch die wörtliche oder variierte, einmalige oder mehrfache Wiederholung bestimmter Wendungen. Bei ihm gibt es keine quasi „zufälligen“, nur ornamentalen Wiederholungen; sie haben immer etwas zu sagen und zu bedeuten, er setzt sie wie Punktscheinwerfer ein.

          Nun sind es aber ja immer noch zwei verschiedene Dinge, eine Musik rational zu verstehen – oder sich dann auch emotional von ihr ergreifen zu lassen.

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