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Godanis Dance Company : Der Tanz muss zurück an die Städtischen Bühnen

  • -Aktualisiert am

Ein tiefer Gedanke: Die Gesichter der Darsteller sind versteckt, weil das Stück als Kritik an den Instagram-Posern des Lockdowns verstanden werden soll. Bild: Dresden Frankfurt Dance Company

Es ist still geworden um den Tanz in Frankfurt. Sollte Jacopo Godani mit seiner Dance Company nach drei Monaten der Absenz nicht so vor das Publikum treten, dass dahinter ein überraschendes Konzept erkennbar wird?

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          Dass Jacopo Godani, der Direktor der umständlich nach den Finanzpartnern des Ensembles benannten „Dresden Frankfurt Dance Company“, in seinem beruflichen Lebenslauf einige illustre Auftraggeber für einzelne Ballettstücke auflisten kann, beeindruckt nur auf den ersten Blick. Es attestiert ihm, dass er auf einem gewissen handwerklichen Niveau mit den Parametern seiner Kunst – Ballettensemble, Bühnenraum, Musik und Ausstattung – premierenfähig umgehen kann. Auch daran, an seinen und den Erfolgen einer ganzen Reihe durchschnittlicher Choreographen an prominenten Häusern, liest man den Zustand einer Kunst ab. So virtuos diese Generation von Tänzer-Athleten ist, so blass und inhaltlich schwach sind viele ihrer jüngeren Choreographen.

          In einer Erfolgsarchitektur, in der Benjamin Millepied ein umjubelter Star der Choreographie ist, hängen wohl die Türen schief in den Angeln und stimmen die Maße nicht. Auf den Geschäftsfluren der Tanzwelt flüstert man sich vor allem Anglizismen zu: creative, innovative, progressive, contemporary. Godani, der die Dresden Frankfurt Dance Company zur Spielzeit 2015/16 übernahm, erklärte im Fernsehen, er habe die Company neu zusammenstellen müssen – ein Erfordernis, das er aus den neuen, zu schaffenden Werken erklärte, die sie erarbeiten sollte. Dabei hatten alle gehofft, der von ihm persönlich gewollte Nachfolger William Forsythes werde auch dessen Repertoire erhalten. Diese Hoffnung wurde nur begrenzt erfüllt. Was man stattdessen sieht, trägt zu einem sehr viel bewegungskonventionelleren Gesamteindruck bei. Noch die schwächsten Stücke Forsythes waren aufregender als die gelungenste Godani-Premiere.

          Tanztreues Publikum

          Jetzt also, nach fünf Jahren mit Godani, steht der Tanz da wie beiseitegeschafft. Ins Bockenheimer Depot kommt ein ebenso tanztreues Publikum wie ins Festspielhaus Hellerau. Aber ganz ehrlich: Es sind nicht viele. Weder die sächsische noch die hessische Zuschauertribüne ist besonders groß. Es ist still geworden um den Tanz in Frankfurt. Und das, nachdem diese Stadt jahrzehntelang als Epizentrum des zeitgenössischen Tanzbebens galt, mit William Forsythe als Ballettdirektor an den Städtischen Bühnen Frankfurt, auf der Opernhausbühne, da, wo der Tanz auch hingehört.

          Was aber bekommt man jetzt zu sehen, wenn man nach drei Monaten Corona-Pause zum ersten Mal wieder ins Bockenheimer Depot geht, wo Godani die „Performance Installation“ mit dem Titel „Selflessness“ zeigt? In der abgedunkelten Halle fanden sich am Sonntagnachmittag sechsundvierzig Personen zum Ersteinlass ein, die für eine Aufenthaltsdauer von circa fünfundzwanzig Minuten um eine große, rechteckige und mit schwarzem Tanzboden bedeckte Fläche herumgehen sollten.

          Klebeband umrandet die Spielfläche, auf der fünfzehn Tänzer mit dem Gesicht Richtung Publikum in großzügigem Abstand zueinander aufgestellt sind. Unangenehm ist der Einlass, denn wie zu erwarten bremsen Menschen, die aus dem Tageslicht in einen dunklen Raum treten, recht schnell, und verweilen zu dicht beieinander.

          In der stillen Dunkelheit beginnen die in Lichtduschen stehenden, sitzenden oder liegenden Tänzer aus ihrer Maskierung, Vermummung und Umwickelung mit Teppichen, Tüchern und Tüten, Plastik, Glitzer und Tüll heraus zu wimmern und zu keckern. Das ist alle Musik, die man geboten bekommt, und mit Bewegung spart diese Installation auch. Indem „Selflessness“ die Gesichter der Darsteller versteckt, will das Stück als Kritik an den Instagram-Posern des Lockdowns verstanden werden. Schön, das ist natürlich ein tiefer Gedanke. Aber sollte nicht die Dresden Frankfurt Dance Company nach drei Monaten der Absenz so vor das Publikum treten, dass dahinter ein überraschendes Konzept, eine Setzung erkennbar wird?

          Stattdessen gibt es ein Wiedersehen ohne Augenkontakt und fast ohne Tanzbewegungen. Das ist nicht nur erschütternd, wenn man an die Vergangenheit denkt. Das ist erst recht ein Debakel, wenn man an die Zukunft denkt. In Frankfurt werden gerade neue Häuser für das Schauspiel und das Musiktheater geplant. Godanis Ensemble ist kein adäquater Ersatz für die gestrichene Tanzsparte an den Städtischen Bühnen. Und bevor dieser Verlust an Jahrzehnten von Repertoire, an Können, Wissen, an ästhetischen Schätzen, in Beton gegossen wird, bevor sich der endgültige Abschied der Stadt vom Tanz darin manifestiert, dass in die Pläne der neuen Häuser Probenräume für Musiker, Sänger und Schauspieler, aber keine Ballettsäle eingezeichnet werden, muss diese Diskussion neu geführt werden, um des Tanzes willen. Es gibt Shakespeare und Tschaikowsky, dann muss es hier auch Marius Petipa, George Balanchine und John Cranko geben, und Hoffnung für die nächste, eine neue Generation großartiger Choreographen.

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