https://www.faz.net/-gqz-9visu

„Drei Mal Leben“ in Berlin : Überforderte Gastgeber

  • -Aktualisiert am

Drei Abende, zwei Paare, kein Problem: Judith Engel, Nico Holonics, Constanze Becker und August Diehl auf der Bühne des Berliner Ensembles Bild: Marcus Lieberenz

Nicht zu leiden reicht nicht: Andrea Breth inszeniert am Berliner Ensemble „Drei Mal Leben“ von Yasmina Reza in prominenter Besetzung. Amüsant ist der Abend nur in wenigen Momenten.

          3 Min.

          Als Luc Bondy im Jahr 2000 das fünfte Stück von Yasmina Reza in Wien uraufführte, standen in New York noch die zwei Türme. Da waren die Banken noch nicht gefallen, da telefonierte man noch mit Nokia-Handys und fühlte sich in der Ironie sicher. Da konnte man ein Stück schreiben, in dem zwei Paare sich nichts Wesentliches zu sagen hatten und Wissenschaftssatire darin bestand, eine plötzliche Verdammnis über einen Akademiker zu fingieren, weil irgendwo ein Aufsatz zum selben Forschungsthema erschienen war.

          Wo Männer ungescholten von Frauen träumten, die man „von Zeit zu Zeit abschalten kann“, und gegen die gähnende Langeweile des Daseins mehrere Packungen „Schokofingers“ herumgereicht wurden. Nein, wir wünschen sie uns nicht zurück, diese alten Zeiten. Nicht, wenn sie uns so müde und harmlos zuzwinkern wie aus Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“. Es reicht nicht aus, keine echten Leiden zu haben, man muss auch einigermaßen bedeutungsvoll darüber sprechen können, was Leere heißt. Und nicht nur Kindergeschrei wegkuscheln und beim Sancerre bleiben.

          Drei Abende in einem mittelständischen Wohnzimmer. Zwei Paare zwischen vierzig und fünfzig treffen unerwartet zusammen. Hubert ist einflussreicher Labordirektor und Hobby-Charmeur, Henri erfolgloser Forschungsbeauftragter am Astrophysikalischen Institut und von seiner Gunst abhängig. Die Frauen sind die Gegenbilder ihrer Männer: Sonja ist eine erfolgreiche Geschäftsführerin, Ines eine trunksüchtig Unbeschäftigte. Drei Mal setzen sie sich zusammen auf die halben Sofaecken und reden um den lauwarmen Brei herum: Welche Erziehungsprinzipien wirken, was Karriere und Erfolg bedeutet, wer schuld daran ist, dass die Ehe den Bach runtergeht. Drei Mal tun sie das unter leicht verändertem Versuchsaufbau, mit unterschiedlichen Haltungen, vor allem Henri wandelt sich vom opportunistischen Kriecher über den ausfälligen Betrunkenen zum souveränen Forschungspartner auf Augenhöhe. Dafür allerdings, dass das Ganze drei unterschiedliche Versionen eines Lebens darstellen soll, ändert sich zu wenig, bleiben die vier Pseudokontrahenten allzu Ähnliche.

          Keine Umstände machen wollen

          Constanze Becker und Nico Holonics treten in Berlin als überforderte Mittelstandseltern und überraschte Gastgeber auf, die nichts mehr im Kühlschrank haben, August Diehl und Judith Engel als befreundetes Ehepaar, das eine allzu offensichtliche Neigung hat, den Partner vor fremden Augen zu demütigen. Es geschieht nicht viel an diesem gut zweistündigen Abend, alles bleibt in der Schwebe, nichts tritt wirklich zutage. Die wiederkehrende Beschwichtigungsformel des Gastes, bloß „keine Umstände machen zu wollen“, wird hier ambitionslose Realität: Es werden weder Zu- noch Umstände gezeigt, keine zerstörerische Kraft, keine tiefere Einsamkeit bricht sich Bahn. Die Figuren wirken flach und durchsichtig, wie Hüllenwesen, die kein Innenleben besitzen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Lächeln wird ihm vergehen: Jungen Leuten wollte der türkische Staatspräsident auf Youtube etwas sagen. Als sie antworteten, machte er den Laden dicht.

          Brief aus Istanbul : Erdogan muss die Jugend fürchten

          Der türkische Präsident hat ein Problem: Junge Wähler lehnen ihn ab. Er buhlt um ihre Gunst, auch im Internet. Doch da hat er gerade eine große Pleite erlebt.
          Durch ein anderes Delikt in den Fokus geraten: Der Mörder von Johanna Bohnacker konnte 18 Jahre nach der Straftat gefasst werden.

          „Cold Cases“ : Keiner wird vergessen

          Moderne Ermittlungsmethoden ermöglichen es, neue Spuren in vermeintlich unlösbaren Kriminalfällen zu entdecken. In Hessen werden „Cold Cases“ jetzt systematisch aufgerollt.
          Nach vier Monaten Kontaktsperre: Dolores Reyes Fernández umarmte ihren Vater José Reyes Lozano vergangene Woche in einem Altenheim in Barcelona.

          Seniorenheime in Spanien : Die Tage der einsamen Corona-Tode

          In Spanien starben so viele Menschen in Seniorenheimen wie in keinem anderen Land Europas. In den Augen von Angehörigen war es ein Zusammenbruch mit Ansage.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.