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„Draußen vor der Tür“ in Bochum : Der Krieg tobt immer weiter

Bildmächtig eingedunkelt: Florian Lange als Beckmann in „Draußen vor der Tür“ Bild: Arno Declair

Täter-Opfer-Dialektik für eine Welt, in der sogar Gott nur noch mit dem Krückstock wedeln darf: David Bösch radikalisiert Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ in Bochum.

          3 Min.

          Dem lieben Gott wird der Vortritt gelassen. Von der letzten rückt er an die erste Stelle: Ein zauseliger Alter, dem zottelige graue Strähnen aus der Wollmütze flattern, im abgewetzten braunen Bademantel. „Gott“ steht hinten auf dem Rücken, damit er - Raiko Küster lässt ihn schlurfen - nicht mit einem religiösen Penner verwechselt wird. Staub rieselt aus der schwartendicken Bibel, auf die Beckmann die Asche seiner Zigarette schnippt. „Keiner glaubt mehr an mich“, lamentiert der liebe Gott. „Hau ab, ich sehe, du bist nur ein weinerlicher Theologe“, wünscht ihn Beckmann zum Teufel. Also weg, ab in den Gully mit ihm, Deckel drauf.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Am Schauspielhaus Bochum hat David Bösch das Kriegsheimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“, „ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“, von Wolfgang Borchert in Szene gesetzt und den Himmel gar nicht erst zugelassen. Alles Metaphysische ist gestrichen, der Oberst und seine Familie, der Kabarettdirektor und die Nachmieter in der Wohnung der Eltern werden nur angespielt. Die Bühne von Dirk Thiele entwirft ein mit schwarzem Torf ausgelegtes Ödland: vorne rechts eine düster glänzende spiegelnde Pfütze, links an der Wand ein verschmiertes Waschbecken, der Gully, ein kaputter Stuhl. Innenbild und Außenbild zugleich: So dunkel, so verwüstet, so ausweglos sieht es in diesem Menschen aus.

          Fiebriges Neben- und Gegeneinander

          Der Unteroffizier Beckmann, der, auch der Vorname wurde ihm weggeschossen, 1947 mit Gasmaskenbrille und steifem Bein aus russischer Gefangenschaft nach Deutschland zurückkehrt, sind zwei, gespalten und in sich entzweit: Beckmann und der andere Beckmann. Die Inszenierung wertet das Alter Ego auf, erklärt es zum Antagonisten, zur Abspaltung: Beckmann - Florian Lange spielt ihn mit Krücke verausgabt, verdreckt, verschwitzt - ist ein Opfer des Krieges, das leidet, versehrt und verzweifelt; der andere Beckmann ist ein anderes Opfer des Krieges - Nicola Mastroberardino gibt ihn ohne Krücke angriffslustig, brutal, durchgeknallt, als Kämpfer, der weitermachen muss, der Täter bleibt.

          Der andere Beckmann vergewaltigt Beckmann, drückt ihm die brennende Zigarette ins Ohr, beklaut, bedroht, verprügelt, demütigt, verhöhnt und beschimpft ihn. Verletzt und traumatisiert, schlagen sie beide in einer Wirklichkeit auf, die nicht auf sie vorbereitet und mit ihnen überfordert ist, die kein Verständnis für sie hat. In Beckmann, der alles, der Gesundheit, Frau, Kind, Eltern, sein Zuhause, der jede Lebensperspektive verloren hat, tobt der Krieg weiter. Denn der Krieg höret nimmer auf. Im schnellen Neben- und Gegeneinander, im fiebrigen Wechsel- und Parallelsprechen demonstrieren beide Schauspieler, wobei Nicola Mastroberardino auch andere Rollen (an)spielt, beklemmend die Opfer-Täter-Dialektik.

          Da hilft kein Blick nach oben

          Auch das Mädchen steigt aus dem Gully, eine gespuckte Wasserfontäne kündigt sie an, dann folgt eine Hand wie auf einem surrealistischen Gemälde. Kristina-Maria Peters lässt sie als nymphisch-naive Kindfrau tänzeln, die, verspielt und verzaubert, bei Beckmann Schutz sucht. Eine zarte Liebesgeschichte beginnt sich zwischen ihnen anzubahnen, doch als sie heftiger und direkter wird, zerbricht sie auch schon, der Kuss wird zur Wiederbelebung, zu mehr reicht es nicht mehr.

          Der Tod, der als schwarzer Schatten auf der Rückwand erscheint und schnell zum Riesen wächst, ist größer und stärker: übermächtig. Dann lässt ihn Henrik Schubert als aggressive Hadesdogge hereinhumpeln, mit einer weißen Fratzenmaske vor dem Gesicht und im Ledermantel der SS, die Vorderbeine staksen auf Metallprothesen. Mit Beckmann und dem anderen Beckmann trifft sich der Einbeinige, den Schubert in Landserkluft gibt, zu einer (letzten?) Zigarette. Die immerhin verbindet die ehemaligen Soldaten noch. Doch nur das Feuerzeug des Einbeinigen funktioniert.

          In den Kammerspielen dunkelt David Bösch das 1947 uraufgeführte Stück nach, abstrahiert es von der Historie, entgrenzt Tag und Traum, verdichtet es zum bildmächtig-bedrückenden Endspiel - und verkürzt dabei das äußere Drama. Am Schluss darf der liebe Gott, so scheint es zunächst, zurückkehren und - letzter Beweis? - seinen Krückstock wie einen Dirigentenstab einsetzen, um damit den Eisernen Vorhang herunterzukommandieren. Doch der gehorcht nicht lange und bleibt nach einem Drittel stecken. Nicht einmal das vermag der liebe Gott mehr; der flehende Blick nach oben hilft nicht weiter. Dann reißt er sich Mütze und Perücke vom Kopf und wirft sie weg: Bin nur ein Schauspieler. Das Theater ist stärker. In Bochum war das früher, lang ist es her, die Regel. Jetzt ist es wieder mal so.

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