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Salzburger Festspiele : Iphigenie wird missbraucht

Auch das doppelte Iphigenchen wird uns nicht erspart: Rosa und Oda Thormeyer, im echten Leben Tochter und Mutter, als zwei Seiten einer billigen Adaptionsmedaille Bild: dpa

Triviale Therapiesitzung: Ein Schauspielabend „frei nach Euripides/Goethe“ gerät zum vollkommenen Fiasko und zeigt das dekonstruktionsbesessene Gegenwartstheater abermals von seiner schlechtesten Seite.

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          Iphigenia, gerade einundzwanzig ge­worden, will Starpianistin werden. Drunter macht sie es nicht. Aber hey: In der Familie wird ihr bescheinigt, nicht nur attraktiv, sondern auch hochbegabt auszusehen. Die Mutter Klytaimnestra ist natürlich eine überspannte Starschauspielerin, die es ge­lernt hat, ihr Leid in Rollen zu packen: Alles ist schließlich Material und also wiederverwendbar. Der Vater Agamemnon, ein Starwissenschaftler, trägt schwarz und zeigt sich ansonsten wendig. Ethik und Moral sind sein Geschäft. Soeben hat er sein neuestes Werk veröffentlicht, ein MeToo-Buch und Seelenschau von Tätern und Opfern – beiderseits gehe das Verbrechen mit Sinnverlust einher, so seine These, die er mit allerhand Bibelwissen und Kierkegaard unterfüttert. Garantiert wird das ein Bestseller, glaubt die Familie, wäre da nur nicht der Missbrauch an der eigenen Tochter Iphigenia. Die will ausgerechnet jetzt publik machen, dass der Onkel Menelaos sich jahrelang an ihr verging. Agamemnons Ethikkarriere wäre erledigt und sein Buch gleich mit. Natürlich hatte er sich damit unbewusst das eigene Familiendrama von der Seele schreiben wollen.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Was klingt wie ein Drehbuch aus der Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ ist in Wahrheit leider der Schlüssel, der den Zu­gang zum Iphigeniestoff dieser letzten Schauspielinszenierung der Salzburger Fest­spiele eröffnen soll: Dass hier der Moraltheoretiker Agamemnon seine Tochter Iphigenia für die eigene Karriere opfert wie einst im Mythos der Trojakrieger die seine. Bei Euripides tat der Vater dies als Wiedergutmachung, weil er die Göttin Ar­temis erzürnt hatte – dem bekanntlich al­lerhand Opfer folgen sollten, während Iphigenie von Artemis in letzter Sekunde gerettet und zur Inselpriesterin geweiht wird. Agamemnons konfliktscheuer Wiedergänger auf der Halleiner Bühne (Sebastian Zimmler) hat keinen Rachefeldzug im Sinn, dem Selbstoptimierer geht es nur um die eigene Auflage.

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