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Dramatiker gegen Dramaturg : Beckett will nicht ins Altersheim

  • -Aktualisiert am

Samuel Beckett (r.) bei der Inszenierung seines „Endspiels“ am Schiller-Theater in Berlin Bild: picture alliance / Keystone / Ke

Der große irische Dramatiker Samuel Beckett schreibt an einen Kölner Dramaturgen. Und wehrt sich gegen die Verhunzung seines Stücks. Ein alter Brief von 1973 - mit viel aktuellem Witz.

          Tief ist der Brunnen der Vergangenheit - nicht immer. Es blinken und blitzen zuweilen gut sichtbar von seinem Grunde her alt geschliffene bunte Scherben. Sie werfen spiegelnd ein flirrend’ Licht aus der Untiefe der Vergangenheit an die Oberfläche der Gegenwart. Und wenn es gleich zwei Scherben nebeneinander sind - umso besser fürs Licht und die Oberfläche.

          Unser Brunnen ist nur etwas mehr als vierzig Jahre tief. Die Scherben blinken vom August 1973 her. Es sind Theaterscherben. Der junge Dramaturg Peter Kleinschmidt vom Schauspiel Köln, das damals unter der Leitung von Hansgünther Heyme stand, hat an den großen alten irischen weltberühmten, in Paris lebenden Dramatiker Samuel Beckett einen Brief geschrieben, „mit verehrungsvollen Grüßen“ und der Bitte um Verzeihung, „daß ich Sie störe“.

          „Es ist nicht Aufgabe des Regisseurs, Verbesserungen anzubringen“: Samuel Becketts Brief aus dem Jahr 1973

          Womöglich ist diese Art von Höflichkeit und Förmlichkeit und in Floskeln gegossener Demutsdistinktion schon das Historische, brunnentief Vergangene an diesem Brief. Denn heute würde für Derartiges ja nicht einmal mehr Papier verwendet. Dramaturgen dieser Tage würden den „Sehr verehrten Herrn Beckett“ anredemäßig höchstens durch ein mail- oder twittergerechtes inhumanes „Hallo!“ ersetzen (wenn sie ihm überhaupt noch schrieben).

          Die Hölle hat sich abgenutzt

          Kleinschmidt aber schreibt an Beckett, und da funkelt der Scherben durchaus aktuell: Man sei in Köln gerade dabei, sein „Endspiel“ einzustudieren, Premiere am 14. Oktober. Man habe aber mit dem Stück ein Problem und insofern einen großen Teil der Proben („mehrere Monate“) damit hingebracht, zu „überprüfen, ob die früher erarbeiteten Positionen auf heute übertragbar, heute noch verwendbar“ seien, das heiße, ob es angehe, dass, wie von Beckett verlangt, das „Endspiel“ in der „von Ihnen vorgeschriebenen Optik: Kunstraum mit Mülltonnen und weiteren realen Gegenständen heute noch zwingend“ sein könne.

          Im „Endspiel“, Beckett schrieb es 1957, geht es bekanntlich um zwei Alte, Nell und Negg, in zwei Mülltonnen, und um einen blinden tyrannischen Herrn (Hamm) auf einer Art Thronsessel und um seinen Diener Clov. Die vier treiben ihre Stegreifspiele und Verzweiflungsclownsnummern in einer völlig entleerten Welt („der anderen Hölle“). Und spielen auf ein Ende zu, das längst stattgefunden hat. Was ungeheure komische, abgrundgroteske Effekte ergibt.

          Und diese weltberühmte Versuchsanordnung eines dauernden Scheiterns, die sich, so Kleinschmidt, „durch die häufige Verwendung, das häufige Sehen prostituiert“ (!) habe, könne man in Köln nun so nicht mehr goutieren. Die Dramaturgie habe sich überlegt, ob man „das Stück nicht in einem realistischen Raum, sagen wir in einem Altersheim, in dem die Mülltonnen durch Betten für Pflegefälle ersetzt sind“, spielen lassen könne. Um so die „Mülltonnenromantik“ zu vermeiden, dafür der „höheren Dimension des Spiels in höherem Maße gerecht“ zu werden. Und was der sehr verehrte Mr. Beckett dazu meine?

          „Ich bin gänzlich gegen Ihre Idee eingenommen“

          Samuel Beckett antwortet kurz und höflich dem „Dear Dr. Kleinschmidt“ auf Englisch, was sich übersetzt so liest: „Ich bin gänzlich gegen Ihre Idee eingenommen, ,Endspiel‘ durch die Verpflanzung in ein Altersheim („in an Altersheim“) oder in eine andere modische Hölle auf den neuesten Stand zu bringen. Dieses Stück kann nur funktionieren, wenn es genau so aufgeführt wird, wie es geschrieben ist; in Übereinstimmung mit den Regieanweisungen; nichts hinzugefügt und nichts weggelassen. Aufgabe des Regisseurs ist es, dies zu gewährleisten, nicht, Verbesserungen einzubringen. Wenn und wo diese Einstellung als nicht vereinbar mit den bestimmenden Notwendigkeiten erachtet wird, sollte das Stück in Frieden gelassen werden. Es besteht kein Mangel an anderen, die den Anforderungen genügen. Yours sincerely Samuel Beckett.“

          Daraufhin schreibt der Dramaturg dem Dramatiker mit wiederum „verehrungsvollen Grüßen“, er danke für dessen „unerbittlichen Brief“. Man arbeite aber in Köln mit einer ebensolchen „Unerbittlichkeit“ und führe die Inszenierung also unerbittlich ins Altersheim. Beckett hat darauf nicht mehr geantwortet. (Die Premiere war, wenn man dem weiland theaterkritischen Kollegen vom „Kölner Stadtanzeiger“ folgen darf, denn auch ein ödes Unerbittlichkeitsdesaster.)

          Theater der Verleger

          Samuel Beckett, der sich noch in den achtziger Jahren erfolgreich, das heißt gerichtlich gegen eine „Godot“-Inszenierung wehren konnte, die das reine Männer-Stück mit lauter Frauen besetzen wollte, sah sich im Kölner Fall den damals schon durchaus fortgeschrittenen Anfängen eines sogenannten Theaters der Verleger konfrontiert. Dem Theater also, bei dem die Dramaturgen und Regisseure lange darüber brüten, wohin sie ein Stück verlegen könnten - beziehungsweise, wohin es bisher noch nicht verlegt worden war („Also Nazis sind irgendwie durch, aber wie wär’s beim nächsten ,Nathan‘ mal mit muslimischen Selbstmordattentätern?“).

          „Rheingold“ an der Tankstelle, „Elektra“ in der Voodoo-Bar

          Was dann im Laufe der Jahre zu lauter schnell verdaulichen modischen Maskeraden führte à la „Tristan“ im Raumschiff, „Rheingold“ an der Tankstelle, „Wallenstein“ in der Schraubenfabrik, „Minna“ im Vietnamkrieg, „Elektra“ in der Voodoo-Bar, „Faust“ in der Drückerstube, „Don Giovanni“ im Dessousshop, „Fidelio“ an der Bushaltestelle, „Die Perser“ im Fitnessstudio. Die Liste ließe sich ins Endspiellose fortsetzen.

          Unlängst erreichte uns der dringliche Anruf einer Dramaturgin. Ihr Haus erbitte unbedingt theaterkritischen Besuch. Man gebe Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“. Auf die eher ironisch gemeinte Frage: „Wohin haben Sie’s verlegt?“, kam die strahlende Antwort: „Ins Reich der Vampire!“ Das Theater der Verleger ist das Theater der Drückeberger. Die sich vor einem großen Drama, also vor etwas Unbegreiflichem, ins rasch Begreifbare, nächst um die Ecke Liegende, schnell zu Erledigende hineindrücken. Becketts Scherben von 1973 wirft da immer noch sein Licht. Kleinschmidts Scherben leider auch.

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