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Dramatiker al Attar im Gespräch : „Wir Künstler kämpfen anders“

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Der Dramatiker und Theatermacher Mohammad al Attar Bild: Piero Chiussi

Die Fernsehbilder aus Syrien zeigen Bürgerkrieg, Terror und Zerstörung. Wie können in deren Schatten die Künste sich behaupten? Ein Gespräch mit dem Dramatiker Mohammad al Attar.

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          Wie frei konnte ein Künstler in Syrien bislang tätig sein?

          Wenn man rigorose Regeln auferlegt bekommt, ist es des Künstlers Aufgabe, mit Hilfe von Tricks Hindernisse wie Zensur, aber auch Bürokratie und Finanzierungsprobleme zu meistern. Das gelang unseren Künstlern bislang auch, so dass sie herüberbringen konnten, was sie wollten. Es ist etwas verrückt, das so zu sagen, aber ich glaube, dass solche Hindernisse wie in Syrien gewissermaßen ihr Gutes haben: Besonders Zensur motiviert und drängt uns Künstler, kreativ zu sein.

          Wie kann man sich die Theaterlandschaft Syriens vorstellen?

          Wenn ich ehrlich bin: Das Theater hat keine herausragende Stellung in Syrien. Für gutes Theater braucht man den Atem der Freiheit und Geld, und wenn man beides nicht hat, wie soll dann die Szene blühen? In die Fernsehproduktion dagegen wird viel Geld hineingepumpt, denn das Fernsehen setzen autoritäre Regime bewusst ein, um die Menschen ruhig zu halten, zu unterhalten - leider. Theater und Kino aber können für die Mächtigen gefährlich werden.

          Welche Auswirkungen hat die Revolution in Syrien auf das künstlerische Leben?

          Wir sind ja erst am Anfang, aber die Revolutionen, gerade die in der arabischen Region, bringen radikale - auch sehr schmerzhafte - Veränderungen in Kunst, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft mit sich. Der hohe Preis, den wir für die Revolution bezahlen mussten und müssen, wird sich auszahlen, da bin ich mir sicher. Wir alle wissen jetzt, dass wir dorthin, wo wir waren, nicht mehr zurück dürfen. Und das geben wir weiter, auch in der Kunst. Viele Künstler, vor allem Schriftsteller, Musiker und Maler, haben bereits damit begonnen, die Veränderungen in ihren Werken anzupacken und aufzugreifen.

          Welche besonderen Aufgaben kommen Künstlern in Krisen- und Kriegssituationen wie derzeit in Syrien zu?

          Künstler müssen mitgehen und an den Veränderungen mitarbeiten. Sie sind wie alle Menschen in Syrien Bürger, daher würde ich in dieser Zeit gar nicht so sehr zwischen Künstlern und anderen Menschen unterscheiden. Gerade jetzt ist es wichtig, dass man zusammenhält und eins ist. Künstler müssen aus ihrer Szene herausgehen und die Menschen wachrütteln und mit kritischen und unangenehmen Fragen provozieren und Diskussionen vorantreiben. Kunst darf auch die Menschen mit Hilfe von Ironie zum Lachen bringen, ein wichtiges Mittel gerade in schmerzhaften und schweren Zeiten.

          Das klingt so, als sei die Kunst auf den bereits fahrenden Zug der Revolution aufgesprungen - ein Vorwurf, wie er Künstlern in Ägypten gemacht wurde?

          Künstler dürfen nicht warten! Für Künstler gibt es zwei Möglichkeiten, sich für die Revolution einzusetzen. Zum einen widmen einige Künstler ihre Arbeiten dem Geist der Revolution, um sich solidarisch zu zeigen: durch Graffiti, Musik, Gemälde, Filme, Theaterstücke. Und zum anderen sind Künstler Bürger wie alle anderen auch, die für ihre Rechte kämpfen, indem sie demonstrieren gehen, Flyer verteilen, Flüchtlingen helfen, mitten im Geschehen dabei sind. Künstler müssen sehr stark in den Veränderungsprozess eingreifen.

          Welchen Blick in die Zukunft wagen Sie?

          Ich hoffe sehr, dass die kommende Zeit auch den Künstlern gehören wird, denn es wird Menschen brauchen, welche die schrecklichen Erfahrungen dieser Zeit verarbeiten können. Schwere Zeiten erwarten uns, aber ich glaube an die Zeit nach der Revolution. Ich denke, die meisten im Exil lebenden Künstler teilen das Ziel, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu wollen. Wir wollen wieder im Land arbeiten, leben und beim Aufbau des neuen demokratischen Staates mithelfen. Außerdem können unsere Kunstwerke als Zeitzeugenberichte dienen. Wenn ich meine eigenen Theaterstücke wenige Monate nachdem ich sie geschrieben habe, anschaue, weiß ich, was damals in mir vorging.

          Mohammad al Attar

          Der syrische Dramatiker und Theatermacher lebt seit Beginn dieses Jahres in Beirut (Libanon). Der zweiunddreißigjährige gebürtige Damaszene arbeitet als Theatermacher auch mit Jugendlichen, Flüchtlingen und Häftlingen. Ihre Erfahrungen verarbeitete er in seinem Stück „Could you Please Look into the Camera“ (2011). Es gab Aufführungen in Seoul, Edinburgh, Berlin und Beirut. In Syrien konnte er bisher keines seiner Stücke veröffentlichen.

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