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Drama „Siegfried“ in Bayreuth : Befleckt von braunem Dreck

Unterm Heiligenschein: Felix Axel Preißler und Felix Römer geben Siegfried Wagner als siamesisches Zwillingsdoppel. Bild: Konrad Fersterer

Der einzige Sohn von Richard Wagner war dominiert von starken Frauen und einem Übervater. Ihm widmen Feridun Zaimoglu und Günter Senkel ihr neues Drama, uraufgeführt in Bayreuth.

          Die Geschichte des Wagner-Clans mit seinen Verstrickungen in die finstersten Sphären der deutschen Geschichte ist, wie der Erfolg der „Meistersinger“-Inszenierung von Barrie Kosky zeigt, längst Teil der allsommerlichen Kulturarbeit der Bayreuther Festspiele. Vertieft wird diese seit zwei Jahren durch die Podiumsgesprächsreihe „Diskurs Bayreuth“, diesmal mit einem Fokus auf dem Sohn von Richard Wagner, Siegfried, der, selbst fruchtbarer Komponist, Dirigent, Regisseur und langjähriger Festspielleiter, vor hundertfünfzig Jahren geboren wurde. Das von starken Frauen und einem Übervater dominierte Leben dieses sanften Mannes in intimer Nähe zu Adolf Hitler taugt freilich selbst zum mythischen Opernstoff. So erscheint es nur folgerichtig, dass die Herrin des Grünen Hügels, Katharina Wagner, bei dem auf drastische Dramatik spezialisierten Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel zudem auch ein Theaterstück in Auftrag gab, das ihren Großvater zur Bühnenfigur macht.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Festspielleiterin hatte allerdings vorgegeben, dass Siegfried Wagner als monologisierender Solist auftritt, verrieten Zaimoglu und Senkel vor der Uraufführung im Foyer der charmant heruntergekommenen Kulturbühne Reichshof. Ihre Auseinandersetzung mit der Figur habe sie davon überzeugt, so die beiden, dass Siegfried Wagner ein großer Deutscher war und, obwohl er viele Fehler gemacht habe und oft als Spießer dargestellt würde, in vielem seiner Zeit voraus gewesen sei. „Siegfried. Ein Monolog“ ist ein fiktives Selbstgespräch, amalgamiert aus kernig stilisierter Rede, Originaldichtung sowie veröffentlichten Briefen, das den Konformismus aber auch Widerständigkeit und Güte dieses unheroischen Helden an zwei Schicksalsmomenten für ihn und für sein Land vergegenwärtigt, zu Beginn des Ersten Weltkriegs und im Angesicht seines „rechtzeitigen“ Todes im August 1930.

          Dass „Siegfried“ zur berührenden Tragifarce wird, liegt daran, dass der Regisseur Philipp Preuss „Wagner zwo“, wie er sich an einer Stelle sarkastisch selbst nennt, von zwei Darstellern verkörpern lässt, die seine Ambiguitäten, aber auch seine Beziehungen etwa zu Gattin Winifred oder seiner Jugendliebe Clement Harris szenisch ausagieren. Die Ausstatterin Ramallah Sara Aubrecht hat auf die Bühne des alten Stummfilmtheaters in Anlehnung an den Wahnfried-Saal zu veranstaltungsfreier Zeit Stühle mit Schonbezug plaziert, den Boden aber symbolisch mit braunem Dreck bedeckt. Darüber leuchtet der Neonröhrenheiligenschein des Wagner-Kults.

          Kugeli, Kugeli! Felix Axel Preißler als kindlich kluger Siegfried

          Das Stück beginnt als Kino. Die vorzüglichen Schauspieler Felix Axel Preißler, als geharnirschter Wagner-Ritter, und Felix Römer mit Perücke als Siegfried-Gattin kostümiert, flimmern als Schwarzweißerscheinung über die Betonrückwand, bevor sie bei ihrem physischen Auftritt erstmal in den Schmutz stürzen.

          Dass Siegfried Wagner das tonnenschwere Familienerbe tragen konnte, dürfte an einer Kindlichkeit gelegen haben, die ihn auch entlastete. Der jugendlich lyrische Preißler und der wienerisch bissige Römer veranschaulichen dies, indem sie seinen Orchesterliedtext vom „Dicken fetten Pfannkuchen“, der alten Weibern entflieht, Kindern aber freiwillig in den Mund springt, als virtuos überdrehten Dialog zelebrieren, bevor sie in bellendem Fortissimo dem Kaiser, dem Deutschtum und dem Militarismus huldigen, wobei Preißler freilich unter Helm und Rüstung zusammenbricht. Zugleich sieht der doppelte Siegfried als Festspielleiter die Gäste abreisen und das Familienunternehmen pleitegehen.

          Das Familienunternehmen ist aber auch bedroht durch Siegfrieds Homosexualität, die als strafbarer Dreck gilt. Dräuend hallt aus dem Off die Stimme der prozessierenden Schwester Isolde, Bayreuth sei entheiligt. Wabernebel wallen über die Bühne, und den Schauspielern, die die meiste Zeit in Unterwäsche agieren mit jenem hoch geschnallten Gürtel, mit dem Siegfried Wagner Mode machte, wachsen phallische Gummipinocchio-Nasen. Das versetzt in jenes reale Märchen, als Siegfried mit Clement Harris im fernen Ostasien auch erotisch glücklich war.

          Doch der 45 Jahre alte Siegfried lobt das haltgebende Korsett und seine jugendliche Braut Winifred, die sich bei ihrem ersten Besuch in Wahnfried unbekümmert in seines Vaters Sessel setzt. Siegfrieds Vaterkomplex veranschaulicht die Regie mit einem Slapstick-Witz: In seinen Erinnerungen an dessen letzte Tage bringt Preißler von dem Wort „Vater“ immer nur dessen ersten Buchstaben heraus, was seine Bitterkeit über die emotionale Härte von „Cosimamma“ aber umso rührender klingen lässt.

          Ein ähnlicher Trick illustriert Siegfrieds Widerwillen gegen seinen Schwager Houston Stewart Chamberlain und dessen Rassenwahn. Als Römer über die Endkampf-Phantasien dieser „gelehrten Echse“ herziehen will, hindern ihn Hustenanfälle daran, dessen Worte zu wiederholen, die dann dafür als Leuchtschriftmenetekel an der Bühnenrückwand aufscheinen.

          Die Frauen hätten gewollt, dass er verknirpse, weiß dieser siamesische Siegfried-Zwilling. Die zweite Halbzeit des pausenlosen Zweistundenabends versetzt mit Videoprojektionen auf Bettlaken ans Krankenlager des von einem Herzinfarkt niedergestreckten Künstlers. Er weiß, dass Adolf Hitler von seiner Frau zärtlich geliebt wird, aber nicht nur von ihr. Das Weibsvolk sei diesem bumsbanalen Kerl schnell verfallen, räsonniert er ahnungsvoll. Am Ende des Stückes, das bezeichnenderweise von Allusionen an die Musik Richard Wagners, nicht an die des Sohnes beschallt wird, wird Siegfried wieder zum Gespenst: Der riesige Luftballon des Wahnfried-Kosmos spiegelt die Gesichter der Schauspieler, um sie unter sich zu begraben. Jubel und Nachdenklichkeit. „Siegfried. Ein Monolog“ ist noch am 19. und 21. August zu erleben.

          Bayreuther Festspiele

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