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Doppelprojekt in Frankfurt : Der Bürger fühlt sich plötzlich so allein

Bittere Komödie: Carina Zichner als Eve im „Zerbrochnen Krug“ Bild: Birgit Hupfeld

Intendant Oliver Reese verknüpft Kleists „Zerbrochnen Krug“ mit der Uraufführung von Ferdinand von Schirachs „Terror“. Was kommt dabei heraus – und warum ist letzteres wohl das meistgespielte Stück der Saison?

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          Dürfen 164 Todgeweihte geopfert werden, damit siebzigtausend Unschuldige weiterleben können? Muss ein Kampfpilot der Bundeswehr wegen Mordes verurteilt werden, weil er eine vollbesetzte, von Terroristen entführte Maschine der Lufthansa befehlswidrig abgeschossen hat, bevor sie in ein ausverkauftes Fußballstadion gelenkt werden konnte? Dürfen wir uns von Fanatikern zwingen lassen, Leben gegen Leben abzuwägen? Oder müssen wir alle opfern, die Flugpassagiere ebenso wie die Stadionbesucher, weil unsere Prinzipien und das Bundesverfassungsgericht es so verlangen? Sind wir also aus Prinzipientreue zur Wehrlosigkeit verdammt?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Das sind nur einige der Fragen, die der Strafverteidiger und Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach in seinem ersten Theaterstück, „Terror“, nicht nur auf der Bühne verhandeln lässt, sondern den Zuschauern zur Entscheidung vorlegt: Jeder Theaterbesucher ist als Schöffe geladen und muss am Ende des Stücks ein Urteil fällen. Über den Ausgang des Verfahrens wie der Aufführung bestimmt also das Mehrheitsvotum der Zuschauer. Dem Vorsitzenden Richter liegen dementsprechend zwei Schlussworte vor. In Frankfurt und in Berlin, wo das Stück am Samstag gleichzeitig uraufgeführt wurde, stimmte jeweils eine knappe Mehrheit für Freispruch (siehe unten). Der Theaterbetrieb sieht in diesem Fall die Revision vor, und dies gleich mehrfach, denn „Terror“ ist das meistgespielte Stück der Saison: Vierzehn weitere Aufführungen sind bereits angekündigt, von Celle und Nürnberg bis Stuttgart und Greifswald.

          Keine geringe Zumutung

          Gerichtsdramen ziehen offenbar zu allen Zeiten - vom „Ödipus“ des Sophokles über Brechts „Kaukasischen Kreidekreis“ bis zu Heinar Kipphardts „In der Sache J. Robert Oppenheimer“. In Frankfurt hat Intendant Oliver Reese Schirachs Stück nun mit Kleists „Zerbrochnem Krug“ zu einem Doppelprojekt an zwei aufeinanderfolgenden Abenden in gleichbleibender Besetzung verknüpft. Bespielt wird an beiden Abenden nur der vorderste Bühnenrand des Schauspielhauses: ein klaustrophobischer Kammerspielbühnenstreifen in Form eines Gerichtssaals, den Hansjörg Hartung zeittypisch getäfelt hat. Zunächst im Fünfziger-Jahre-Nussbaum-Braun, dann, am folgenden Abend, in Birke hell. Unter beißendem Neonlicht sitzt hier am Samstagabend Bettina Hoppe als schmallippige Staatsanwältin, die Gefühlsregungen nur zeigt, wenn sie von Prinzipien schwärmen darf, während sie am Vorabend noch Kleists Klägerin war: eine perückenbewehrte, rechthaberisch-renitente, trotzig-drollige Marthe Rull - der Geist von Michael Kohlhaas in Heidi Kabels Körper. Max Mayers Dorfrichter Adam ist ein virtuos grimassierender Dorfneurotiker, dem die Mühsal der allmählichen Verfertigung seiner tückischen Gedanken am hektischen Mienenspiel abzulesen ist. Als Verteidiger des Bomberpiloten Lars Koch ist er am nächsten Abend weit weniger überzeugend: ein nölender Nerd, der seine Anwaltsrobe nur widerwillig überstreift.

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