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Doppelpremiere in Stuttgart : Als Künstler geh ich über Leichen

  • -Aktualisiert am

Ertrinken, versinken, unbewusst, höchste Lust? Nichts da! Shigeo Ishino muss in Stuttgart feststellen, dass diese Busenmassen eine Luftnummer sind Bild: dapd

Kein Ruf der Unspielbarkeit: Jossi Wieler, Sergio Morabito und Sylvain Cambreling gelingt in Stuttgart eine virtuose Doppelpremiere von „Die glückliche Hand“ und „Schicksal“.

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          Zwei Opern, zwei Künstlerfiguren: so grotesk verzweifelt und hybrid egomanisch, wie sie wohl nur im vergangenen Jahrhundert skizziert werden konnten. Beide scheitern am Leben. Der eine kann zwar Schmuck schaffen, wie Gott den Menschen erschuf: mit einer einzigen, großmächtigen Geste, die Gedanke und Tat imposant in eins setzt. Am Objekt seiner Begierde aber - einer bühnenfüllend großen, aufgeblasenen Sexpuppe - scheitert er jämmerlich.

          Als unerreichbare Verheißung reckt sich diese weiße Gummi-Frau zunächst noch hinter einem Varietéglitzervorhang in die Höhe wie eine griechische Statue. Aber einmal in die Horizontale gekippt, offenbart sie ihre ganze Banalität. Die Luft entweicht und der „Mann“, wie der Künstler in Arnold Schönbergs Einakter „Die glückliche Hand“ schlicht heißt, geht in den erschlaffenden Busenmassen unter wie ein Ertrinkender. Das ist ein irre komisches Bild.

          Mit Witz und Ironie

          Der Komponist Zivny, Protagonist in Leos Janáčeks Oper „Osud“ („Schicksal“), ist da schon eine wesentlich zwielichtigere Figur. Er stürzt sich ins echte Leben nur, um Inspiration für seine Oper zu finden - und hinterlässt eine blutige Spur voller Leichen und psychischer Krüppel. Seine Frau hat er erst geschwängert, dann verlassen, schließlich in einer Kleinfamilienhölle zugrunde gerichtet. Seine Schwiegermutter ist an ihm so irre geworden, dass sie ihre eigene Tochter mit in den selbstgewählten Tod reißt. Und den zurückgebliebenen Sohn missbraucht der inzwischen zu Uraufführungsehren arrivierte Komponist elf Jahre nach der familiären Katastrophe als bloße Inspirations-Prothese für die gelungene Selbstinszenierung: In seiner vor ehrfurchtsvoll lauschendem Auditorium großspurig zum Besten gegebenen Stilisierung der eigenen Schaffenskrise - die Oper ist nämlich nie fertig geworden - hat der Junge als traurige Travestienummer die Rolle seiner toten Mutter zu mimen.

          Was sich Jossi Wieler, Sergio Morabito und Sylvain Cambreling für ihre erste gemeinsame Produktion als neues Leitungsteam der Stuttgarter Oper vorgenommen haben, ist genau jener intellektuell anspruchsvolle Brocken, den man von ihnen erwarten durfte. Doch mit welch leichter Hand, mit wie viel Witz und Ironie und mit welchem Überfluss an musikalischer und szenischer Suggestivität ihnen die hier erstmals gewagte Kombination zweier Werke, die den Ruf der Unspielbarkeit mit sich schleppten, gelungen ist - das übertraf die Erwartungen an diesen vom Publikum bejubelten Premierenabend.

          Die Stuttgarter Inszenierung fängt Leichtigkeit ein

          Schönbergs 1913 komponiertes „Drama mit Musik“ unternimmt zwar nichts Geringeres, als im komprimierten Gesamtkunstwerkcharakter eines expressionistischen Nibelheims Richard Wagner zu überbieten, doch steckt in dieser rund zwanzig Minuten dauernden Allegorie auf die Künstlerproblematik eben auch jene typisch Schönbergsche lakonische Direktheit, die bei aller symbolischen Verdichtung der - auch autobiographischen - Motivstränge eher auf eine unmittelbare „Fasslichkeit“ zielt als auf eine angestrengt gedankenschwere Grübelei.

          Schönberg erhoffte sich ja auch in späteren Schaffensphasen noch, dass seine Kompositionen irgendwann von den Menschen auf der Straße nachgepfiffen würden, und diese Leichtigkeit fängt die Stuttgarter Inszenierung ein, ohne das Stück zu banalisieren. Das von Cambreling mit dem Staatsorchester Stuttgart aus dem Graben gezauberte, synästhetisch glitzernde Wunderwerk an Farben und zuweilen drastisch gestikulierenden motivischen Linien korrespondiert aufs Genaueste mit den somnambulen Vorgängen auf der von Bert Neumann ausgestatteten Bühne, die raffiniert zwischen einer psychoanalytischen Situation und stummfilmkomischer Drastik changiert.

          Es ist fabelhaft detailreich ausinszeniert

          In Janáčeks knapp anderthalb Stunden dauerndem Werk, das seit der Uraufführung in Brünn 1958 (und der am Tag darauf folgenden Erstaufführung in Stuttgart) nur noch auf wenigen Bühnen eine Chance erhielt, betonen Wieler und Morabito die Zeitbrüche, die die drei Akte voneinander trennen. Wie mit Siebenmeilenstiefeln scheint der egomanische Zivny, baritonal kraftvoll gesungen von John Graham-Hall, über die Episoden seines Lebens hinwegzuschreiten: spaziert vom pittoresken Tschechow-Ambiente eines mährischen Kurbads, wo er seine Verflossene neu bezirzt, in die mit Wäscheständer, Laufstall und Klavier zugestellte Enge des ehelichen Gefängnisses, um schließlich - im szenigen Künstlerschwarz eines modebewussten zeitgenössischen Komponisten - auf der Probebühne eines modernen Theaters seine Ego-Show vor dem ergriffenen Ensemble abzuziehen.

          Bis in die kleinste Nebenrollen ist das alles fabelhaft detailreich ausinszeniert und auch stimmlich treffend besetzt. In den tragenden Partien ist Rebecca von Lipinsky als hingebungsvoll liebende und leidende Ehefrau Mila zu erleben, Rosalind Plowright als dramatisch dem Wahn verfallene Schwiegermutter und - im ersten Teil des Abends - Shigeo Ishino als ein das Schönbergsche Melos differenziert zu Leben erweckender „Mann“.

          Dass Stuttgarts Opernhaus gerade dabei ist, sich wieder in die erste Liga der deutschen Häuser zu spielen, zu dieser Hoffnung gibt auch das unter Cambrelings souveräner Leitung so prägnant wie klangselig musizierende Staatsorchester Anlass, dass die der Sprache abgelauschten, mitunter schroffen instrumentalen Wendungen in Janáčeks Partitur zu einer sehr beredten Gestik schärft, ohne darüber den Schmelz und die Kantabilität dieser Musik zu vergessen.

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