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Doppelpremiere im Gorki-Theater : Der Halbmond ist aufgegangen

  • -Aktualisiert am

Keine Kirschen: Sesede Terziyan, Cetin Ipekkaya und Fatma Souad Bild: Marcus Lieberenz

Islamisches Grün: Für seine Berliner „Kirschgarten“-Premiere schwingt der Regisseur die moralische Migrantenkeule. Weniger grob wird die Roman-Dramatisierung „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ in Szene gesetzt.

          Ein russisches Landgut vor mehr als hundert Jahren, die Bewohner und Gäste flanieren ein bisschen im Grünen, plaudern über dies, scherzen über jenes, um sich der Realität - Geldsorgen, Liebeskummer, Zukunftsangst - nicht stellen zu müssen. Und dann geht in diesem zweiten Akt von Anton Tschechows Komödie „Der Kirschgarten“ der Mond auf, und im Maxim Gorki Theater ist das demonstrativ ein riesiger Halbmond, der auf die Rückwand projiziert wird, die im Bühnenbild von Magda Willi einfach die Wände des Zuschauerraumes verlängert und außerdem noch islamisch grün angestrahlt wird.

          Ob das ironisch gemeint sein soll oder aggressiv, streitlustig, witzig oder einfach dämlich? Glaubt man Shermin Langhoff und Jens Hillje, den beiden neuen Intendanten des kleinsten Berliner Staatstheaters, gibt es nämlich nichts Überflüssigeres als Begriffe wie Nation, Staat, Zuwanderung oder Migrationshintergrund. Doch seltsamerweise setzen sie nun genau darauf bei den Eröffnungspremieren, als wäre Abgrenzung die beste Verteidigung.

          Und so wird auch nicht wirklich Tschechows „Kirschgarten“ gespielt, sondern man lässt das vorwiegend türkischstämmige Ensemble die moralisch-migrantische Ideologiekeule schwingen. Vor lauter angestrengten Provokationen und demonstrativ aufgetürmten Klischees vergisst der Regisseur Nurkan Erpulat allerdings, was Tschechow erzählen wollte. Er kümmert sich lediglich um das, was er selbst erzählen will. Das hat wenig mit Tschechows russischer Gesellschaft zu tun, die nicht mehr weiterweiß, und kaum etwas mit dem Kirschgarten, der außer Schönheit nichts Nützliches abwirft und deshalb abgeholzt werden soll, um Ferienhäusern für für erholungsbedürftige Städter Platz zu machen.

          Nicht mehr als gutmenschelnder Agitprop

          Erpulat sucht sich alle möglichen und unmöglichen Assoziationspünktchen, an denen er sein politisches Mütchen kühlen kann, ob Taner Şahintürk als neureicher Kaufmann Lopachin am Anfang aus Kants Essay „Was ist Aufklärung?“ vorliest, oder ob Falilou Seck als Gajew, der Bruder der Gutsbesitzerin, bei jeder Gelegenheit wie ein nicht zu bremsender Ausländerbeauftragter über solidarische Teilhabe und soziale Stabilität („Gemeinsam sind wir stark“) dampfplaudert und nebenbei Max Frisch zitiert: „Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen aber Menschen.“

          Die Kostüme von Ulrike Gutbrod sind von der bajuwarischen Trachtenjacke über den coolen Trainingsanzug bis zur schwarzen Burka multikulturell folkloristisch. Es werden deutsche und türkische Volkslieder gesungen und autobiographische Erfahrungen der Protagonisten eingestreut. Als Lopachin das Anwesen gekauft hat, gibt es zur Feier des Ereignisses Milchgetränke, und das herbeigeeilte, dunkel gewandete Dorfproletariat - die Frauen tragen Kopftücher - schwingt orientalisch die Tanzbeine: Die Lebensfreude überwindet die Eigentumsverhältnisse beziehungsweise tut zumindest so.

          Mit der Last der aufgepfropften Integrationsdebatte freilich kämpfen zumal die jungen Darsteller wie Sesede Terziyan als Warja und Marleen Lohse als Anja, die Töchter, die mehr könnten als gutmenschelnden Agitprop in der Sache ihres Regisseurs. Wie ein Fremdkörper irrt Ruth Reinecke, Urgestein des Maxim Gorki Theaters, als Gutsbesitzerin Ranjewskaja durch die immer banaler werdende Inszenierung, in der neben Phrasendreschereien das Herumstehen, Abwarten und dabei nicht Tee trinken überwiegen. Schließlich wird à la Aretha Franklin noch laut „Respect“ eingefordert - ohne ihn auch nur im Geringsten Anton Tschechow und seinem Stück entgegenzubringen, von den geprellten Zuschauern ganz zu schweigen.

          Es kann nur besser werden

          Entschieden weniger grob geht die israelische Regisseurin Yael Ronen in ihrer Dramatisierung mit dem 2012 erschienenen Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ von Olga Grjasnowa um, ohne ihn, wie bei derartigen Genrewechseln üblich, überzeugend übersetzen zu können. Szenisch aufbereitet wird die Geschichte einer jüdischen Aserbaidschanerin, die in Deutschland aufgewachsen ist, als hoffnungsvolle Studentin fünf Sprachen erlernt, prima aussieht, sich überall durchschlägt - und doch nirgendwo Halt findet. Orientierungen, Werte, Ordnungen kennt sie höchstens vom Hörensagen und vermag damit in ihrem Alltag nichts anzufangen. Als ihr Freund stirbt, sucht sie sich einen Job in Israel, wo sich ihr Leben aber keineswegs konsolidiert.

          Im Roman wird aus der Sicht von Mascha erhellend wie komisch mit diskriminierenden Klischees und normativen Zuschreibungen gespielt. Yael Ronen reduziert ihn hingegen auf eine erotisch bewegte Beziehungskiste, aus der vor lauter Selbstbeobachtung die Reflexionen über die gesellschaftlichen Zustände, die Grjasnowas Buch ungemein lebendig machen, getilgt werden. Die Birke aus dem Titel ist indes geblieben. Sie liegt quer über der von Magda Willi gestalteten Bühne, ehe sie später aufgerichtet wird.

          Anastasia Gubareva ist eine leidenschaftlich verlorene, unsentimentale Mascha Dolorosa, die vor allem von Dimitrij Schaad als schwulem Moslem Cem mit Warmherzigkeit, Kaltschnäuzigkeit und ironischen Gitarrensongs unterstützt wird. Zur Besinnung kommt die über weite Strecken pennälerhaft aufgekratzte, oberflächlich umtriebige Inszenierung erst, als die beiden am Schluss beim Telefonieren einen zaghaften Blick in die Zukunft wagen, weil „Erinnerungen irreführend sind“, wie ihnen klarwird. Es kann also insgesamt wohl nur besser werden am „Gorki“, das allerdings wäre wirklich sehr zu wünschen.

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