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Doppelpremiere : Gutmenschen und Gütermenschen

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Maren Eggert in Martin Kušejs Inszenierung von „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes” im Deutschen Theater in Berlin Bild: Deutsches Theater

Am Mitleidswesen der Ersten kann die Dritte Welt nicht genesen, wie Roland Schimmelpfennigs neues Theaterstück zeigt. Martin Kusej macht aus „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ in Berlin eine schwere Oper, Wilfried Minks in Hamburg eine leichte Komödie.

          Peggy Pickit ist eine kleine Plastikpuppe. Im Berliner Deutschen Theater steht sie, kaum handgroß, als eine Art Barbie in Unterwäsche an der Rampe. Im Hamburger Thalia Theater ziert sie, kaum fingergroß, als lustiger Girlie-Korkenaufsatz eine Champagnerflasche. Der Titel des neuen Stücks von Roland Schimmelpfennig, das jetzt in zwei Inszenierungen seine deutsche Taufe erlebt, heißt: „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“. Wenn eine Plastikpuppe das Gesicht Gottes sieht, sieht sie ein menschliches Gesicht. Weil wir „alle mit unverhülltem Gesicht die Herrlichkeit des Herrn widerspiegeln“ (2. Kor. 3, 18). Als hätte der heilige Paulus schon viel von Plastikpuppen gewusst.

          Im Berliner Deutschen Theater, wo der Schwerblutregisseur Martin Kusej das Stück in Szene setzt, sind in einem großen bühnenhohen weißen Kasten, den die Bühnenbildnerin Annette Murschetz mit insgesamt sechsundfünfzig blockartig angeordneten Lichtschlitzen bestückt hat, nur vier Menschen zu sehen, Liz und Frank, Carol und Martin. Keine Requisiten sonst. Auch wenn dauernd vom Abendessen die Rede ist - hier ist nichts, was sich trinken oder essen ließe. Hier schaut Peggy Pickit direkt in die Visagen Gottes. Und jeder Schauspieler zeigt sozusagen eine diesbezügliche Offenbarungsversion in tiefenscharfer Nahaufnahme: Maren Eggert als Liz die zickig sentimentale, Ulrich Matthes als ihr Mann Frank die zynisch dämonische, Sophie von Kessel als Carol die bitter frustrierte, Norman Hacker als ihr Mann Martin die bös wurstige. Hier ist Peggy Pickit ihrem Gott sehr nahe. Das Stück ist hier nicht in Akte gegliedert, sondern in Blickwechsel. Das Abendessen als Apokalypse entblößter Gesichter.

          Charakterkomödie unter Charakterlosen

          Im Hamburger Thalia Theater, wo der leichtfüßige Altmeister Wilfried Minks das Stück in Szene schlenzt, ist an der Rampe ein weißes Tischtuch ausgebreitet, darauf ein Brotlaib, eine Salatschüssel, Gläser, Rotwein- und Champagnerflaschen. Hinterm Tischtuch vier gläserne Drehsessel. Über der Szene wandert im schwarzen Raum ein riesiger Leuchtglobus mit bunt strahlenden Kontinentflächen seine Umlaufbahn. Hoch oben, an der Balustrade des dritten Zuschauerrangs hat Minks ein Neondreieck installiert, in dem ein Neon-auge glüht und aus dessen Seiten drei Strahlenbündel blitzen: das alte dreifaltige Symbol fürs Auge Gottes, aus dem nach jedem Akt ein grüner Laserstrahl auf die Korkenaufsatz-Puppe über der Champagnerflasche fällt.

          Zwei Paare der Ersten Welt, peinsam hilflos vor den Problemen der Dritten Welt: Sophie von Kessel, Maren Eggert, Ulrich Matthes, Norman Hacker im Deutschen Theater

          Peggy Pickit ist ihrem Gott hier mehr ironisch symbolisch verbunden. Und schaut allenfalls in humane Alltagsmasken, Oberflächengüteversiegelungen. Davon zeigt Oda Thormeyer als Liz die mondän hausfrauliche, Matthias Leja als Frank die penibel spießige, Gabriela Maria Schmeide als Carol die lebensfroh gepolsterte und Tilo Werner als Martin die liebenswert hilflose Version: jeder auf seinem Drehsessel, alle gleichsam in ständiger Bildtotale. Das Abendessen als Charakterkomödie. Unter Charakterlosen.

          Pein und Peinlichkeit auf allen Seiten

          Denn der Charakter von Liz und Frank, Carol und Martin besteht darin, dass er zerfällt. Beide sind Arztpaare, um die vierzig. Carol und Martin sind nach Afrika gegangen, um dort im größten Elend von Epidemien (Aids etc.), Bürgerkrieg und Armut zu helfen. Liz und Frank sind in Europa geblieben, haben ein Haus und eine Tochter, die ihre Lieblingsplastikpuppe dem armen Kind schenken möchte, das Carol und Martin in Afrika offenbar adoptiert haben und dem Liz und Frank monatlich Geld geschickt haben. Jetzt sind Carol und Martin wieder zurück. In Afrika desillusioniert, gefangen im Alltagstrott hilfloser Helfer; ihr Adoptionskind ist im Busch verschwunden; sie selbst haben sich da unten bei wechselnden Seitensprüngen womöglich angesteckt, lassen sich aber nicht untersuchen, haben kein Haus, kein Geld, keinen Job, keine Liebe mehr: Leergutmenschen ohne Gut, die jetzt bei den Leergütermenschen Liz und Frank auftauchen, die ihnen in ihrer behäbigen Wohlstandsverwahrlosung und ihrem hehren Helfer-Kitsch auf die Nerven gehen.

          Und wenn Liz die Puppe Peggy Pickit in einer Art Kindergärtnerinnensprache („Hallo, wie geht es dir?“) mit der schwarzen afrikanischen Holzpuppe, die Carol und Martin als Geschenk mitgebracht haben, Gutmenschensüßholz raspeln lässt, dann mischen sich Pein und Peinlichkeit auf allen Seiten.

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