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„Don Quijote“ in Berlin : Helden in Jogginghosen

  • -Aktualisiert am

Auf dem Weg ins Achtsamkeitsseminar: Ulrich Matthes und Wolfram Koch Bild: Arno Declair

Zen Quijote von der Mancha: Ulrich Matthes und Wolfram Koch sind Don Quijote und Sancho Panza in Jan Bosses Adaption des Klassikers von Cervantes am Deutschen Theater in Berlin.

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          Die Natur war paradiesisch, der Besitz kollektiv, die keuschen Jungfern gingen unbehelligt ihrer Wege: Vor der Folie des Goldenen Zeitalters, wie es Don Quijote gleich zu Beginn dieser vielleicht berühmtesten Road-Novel der Weltliteratur besingt, kann jede Gegenwart nur mehr eine abgehalfterte sein. Da ist es folgerichtig, dass Jan Bosse in seiner Inszenierung am Deutschen Theater den geistreichen Hidalgo von der Mancha in Jogginghosen und auf einer Einkaufswagen-Rocinante mit zeitgenössischen Prekariats-Insignien versieht.

          Mann von Stand

          Der Motor des Romans läuft auch nach vierhundert Jahren wie geschmiert: Aus dem Abgrund zwischen Ideal und Wirklichkeit bezieht dieses „Volks- und Menschheitsbuch“, wie Thomas Mann es nannte, seine ungebrochene Dynamik. Was ist Don Quijote heute anderes als ein alter, weißer Mann, dem die Welt zur Zumutung geworden ist? „Muss ich denn als Ritter, als Mann von Stand, der ich bin, jeden Hall und Schall erkennen und unterscheiden und wissen, was nach Walkmühle klingt und was nicht?“, ereifert er sich nach einem der Kämpfe gegen seine imaginären Riesen. Doch eben aus dieser vermeintlichen Narretei des Quijote entspringt seine – unseren utopieimmunen Gemütern so fremd gewordene – Kraft zur Auflehnung gegen die Alternativlosigkeit der Welt. Nur wer überhaupt noch die Lanze der Idee zu schultern vermag, dass alles auch ganz anders sein könnte, kann sich im Zusammenstoß mit der Wirklichkeit eine blutige Nase holen und darin Erfüllung finden: Der Kampf gegen Windmühlen vermag ein Menschenherz auszufüllen.

          Despotische Dimension

          Zugleich folgt Cervantes’ Ritter stets ein dunkler Schatten, der uns Nach-Modernen nur allzu vertraut ist: In der Weigerung, die Vergangenheit als unwiederbringlich und die Gegenwart in ihrer Banalität zu akzeptieren, pulst in Don Quijote latent der Furor der Reaktion. Der Wille zur unbedingten Restitution der verlorenen Welt und zu einer neuen Vereindeutigung der Dinge verleihen dem Quijote eine selten beachtete, aber unheimliche, despotisch-dämonische Dimension. Diese ist freilich in Jakob Noltes Bühnenfassung weitgehend getilgt. Die Energie, die den nimmermüden und nicht selten cholerischen Hidalgo durch weite Teile des Romans trägt, weicht in Ulrich Matthes’ Darstellung des Protagonisten schon nach kurzer Zeit dem beherrschenden Bild vom Ritter von der traurigen Gestalt. Im knielangen Kettenhemdchen verloren ins Weite starrend, verleiht Matthes seiner Figur eine burnoutige Erschöpftheit, bei der man als Zuschauer nur darauf wartet, dass der nächste Halt von Ritter und Knappe in ein Yoga-Retreat der spanischen Hochebene führt.

          „Dort hinten, wo die Windmühlen stehen“: Ulrich Matthes und Wolfram Koch in Jan Bosses Adaption von Cervantes’ Klassiker

          An die Stelle der ruppigen Körperlichkeit und der teils rohen Gewaltdarstellungen bei Cervantes setzt Nolte eine Art Zen Quijote, der von der Bühne stracks ins Achtsamkeitsseminar in Mitte stolpern könnte. Da hilft es auch wenig, dass Sancho Panza, gespielt von Wolfram Koch, in engen Stretch-Jeans und mit roten Stiefeln die Blutlosigkeit seines Herrn durch eigene Hyperaktivität zu kompensieren sucht. Zeichnet Cervantes den Knappen eher als erdverbundenen, gemächlichen Bauern, so brettert die Bühnenfigur hier in einer grotesken Mischung aus Exaltiertheit und Effemination wie ein Klamauk-Panzer durchs gesamte Stück. Gleichwohl verfügt dieser Sancho über einen zeitdiagnostisch interessanten Reiz: Im „Zeitalter der Panzas“, philosophiert der Knappe, zählen Vergangenheit und Herkunft nichts mehr, sondern nur das, „was wir hier und jetzt sehen“.

          Alternativlose Ordnung

          Die Welt teilt sich für den bauernschlauen Materialisten Sancho in „Haber und Nichthaber“, und es ist klar, zu welcher Gruppe er gehören will: Sancho Panza merkt auf, wenn es etwas zu holen gibt, ein Eiland oder auch nur das Rezept eines vermeintlichen Zauberbalsams, den man trefflich vermarkten könnte. Er ist die spießbürgerliche Stimme der alternativlosen Ordnung der Welt, hinter deren Oberfläche – und diese Volte der Inszenierung ist hervorragend – sich doch die Sehnsucht nach dem anderen Leben verbirgt: Das billige Flamenco-Kleidchen, das er unter der Hose trägt und mit dem er einmal für seinen Herrn tanzt, zeigt an, dass es auch für einen Sancho Panza ohne Fantasie(n) nicht geht.

          Ansonsten ist Stéphane Laimés Bühne wüst und leer, was den schönen Effekt hat, dass die Sprache in der genialischen Übersetzung von Susanne Lange in den Mittelpunkt rückt. Dennoch bleibt die ganze Inszenierung letztlich so zahnlos wie Don Quijote nach seinen unzähligen Prügeleien. Das liegt weniger an den unbestritten großartigen Darstellern als an den vergebenen Chancen der Bühnenfassung: Diese konzentriert sich zu sehr auf die ikonischen Szenen des Romans und die Männerfreundschaft der Protagonisten, statt den Versuch zu unternehmen, die reichen historischen und sozialen Konflikte des Textes – man denke etwa an die Kriege, die religiöse Intoleranz oder die Korruptheit der Institutionen jener Epoche – für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Auch hätte man Don Quijote gerne intensiver bei der Tatsache zugesehen, dass das Betreiben des Wahnsinns ein ernsthaftes Geschäft ist. Stattdessen überstrapaziert die Inszenierung die komödiantischen Elemente, bevor sie im zweiten Teil ebenso wie ihr Protagonist langsam und schmerzlos dahinsiecht – wie ein Ritter eben, der keinem (mehr) weh tut.

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