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Salzburger Festspiele : Zur Macht gelangter Schwadroneur

  • -Aktualisiert am

Des Pudels Kern: Michael Spyres als Don Ottavio auf der Bühne des Großen Festspielhauses in Salzburg Bild: Imago

Romeo Castellucci inszeniert „Don Giovanni“ in Salzburg. Dabei wird Mozarts Musik zum Material für den neuen Führerkult um Teodor Currentzis.

          4 Min.

          Das konnte nicht anders sein. Das musste eine Sensation werden. Nach der Inszenierung der „Salome“ von Richard Strauss war der italienische Regisseur Romeo Castellucci vor drei Jahren in Salzburg als Lichtgestalt eines magisch-mythischen Theaters gefeiert worden. Für Mozarts „Don Giovanni“ wurde ihm der für eine fest eingepreiste Überwältigung einzig vorstellbare Partner zugewiesen: der Dirigent Teodor Currentzis, dem die zeitgemäße Bewunderung dafür gezollt wird, dass er den Opernbetrieb aufmischt. Folglich meldete der mediale Wetterbericht schon früh, dass das „Potenzial für Erregungen in der Luft“ liege; wenige Stunden nach der Aufführung war in einer Kritik des Bayerischen Rundfunks zu lesen, dass der Dirigent seine Pflicht erfüllt habe: Mozart – na, was wohl? „gegen den Strich zu bürsten“.

          Schwarz-dunkel das Festspielhaus beim Gang des Dirigenten ans Pult, hell erleuchtet hinter einem milchigen Gaze-Vorhang der riesige Bühnenraum. Es ist der Sakralraum einer Kirche. Es dauert sieben oder acht Minuten, in denen ein Dutzend Bänke herausgerollt werden. Ein Christusbild wird abgehängt. Ein Ziegenbock durchquert den Raum, der fortan zum Kampf- und Schlachtfeld eines „rabiaten Kindes“ (Castellucci über Giovanni) wird, das in den folgenden Stunden „rabiat um sich schlägt“. Giovanni und Leporello betreten als Doppelgänger die Szene, und wir erfahren aus der Gebrauchsanweisung des Programmheftes, dass der Diener als „exkrementale Natur“ das alter ego seines Herrn ist.

          Es bleibt hell, wenn Donna Anna von Don Giovanni übermannt wird – nicht vergewaltigt, denn sie versucht ihn festzuhalten. Das wird in einer Verdoppelung der Szene gespiegelt. Was Anna ihrem Verlobten Ottavio im Accompagnato (Nr. 2) berichtet, wird von einem Double auf einer Matratze visualisiert. Ein solches Lager ist auch zur Stelle, auf das Giovanni mit Zerlina niedersinkt, und dass er der unerwartet Erwartete ihrer Träume ist, wird offenbar, wenn ihre Verführbarkeit durch die lustvoll-lasziven Windungen eines hinter ihr liegenden nackten Doubles versinnlicht wird.

          Effekt, so hat es Richard Wagner formuliert, ist Wirkung ohne Ursache. Die Inszenierung Castelluccis ist reicher an Effekten als das Register Leporellos an erotischen Eroberungen. Der auch für Bühne, Kostüme und Licht verantwortliche Regisseur will die neutrale Architektur seines Raums mit Bedeutung aufladen: „durch eine präzise Dramaturgie aus angemessenen und unangemessenen Objekten, die herabfallen, die auftauchen und sich auflösen“. Es regnet Bälle vom Himmel, die auf dem Boden aufprallen und von Ottavio zerstochen werden; krachend fällt ein Klavier herunter, auf dem Giovanni klimpert; mit Getöse brettert ein Auto auf den Bühnenboden; zum erotischen Zwiegesang von Giovanni und Zerlina senkt sich eine Kutsche nieder für beider imaginierte Fahrt auf das Schloss; Leporello zieht während seiner Register-Arie einen Kopierer herbei, wohl als Chiffre für seines Herrn sexuellen Dauereinsatz.

          Authentische Salzburgerinnen en masse

          Ein wirklich großartiger szenischer Einfall, im zweiten Akt 150 Salzburger Frauen als Opfer des Antihelden auf die Bühne zu holen: junge und alte, füllige für den Winter, schlanke für den Sommer, wie von Leporello aufgeführt, die in fabelhaft choreographierten und magisch beleuchteten Märschen über die Bühne geführt werden. In der Finalszene tritt der steinerne Gast allein als megaphonisch verstärkte Stimme auf, vor der Giovanni sich in verzweifelten Zuckungen windet und sich, weiße Farbe auf den nackten Körper schmierend, in ein Skelett verwandelt. Was aber durch die Häufung der mit phantastisch virtuoser Brillanz ausgeführten Aktionen entsteht, geht über in eine den Zuschauer womöglich erschöpfende Monotonie.

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