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„Don Giovanni“ in Duisburg : Rosenkrieg im Ruhrgebiet

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Zickenkrieg in der Deutschen Oper am Rhein: Nataliya Kovalova (Elvira), Laimonas Pautienius (Don Giovanni) und Olesya Golovneva (Anna) zeigen, was Düsseldorf und Duisburg verlieren könnten Bild: Foto Deutsche Oper am Rhein

Ein Beweis, zu welchen Höhenflügen man noch fähig ist: Das Theater Duisburg kämpft mit einem hinreißenden „Don Giovanni“ für den Fortbestand der Deutschen Oper am Rhein.

          Stolz verkünden Schillers Musen vom Giebel herab den Anspruch des noblen Theaterbaus: „Mit allen seinen Tiefen, seinen Höhen / Roll ich das Leben ab vor Deinem Blick.“ Der Dichter, dieser Schwärmer, wusste freilich noch nichts von Haushaltssicherungsgesetzen. Denn ausgerechnet im hundertsten Jahr seines Bestehens legt eine von Sparzwängen getriebene Politik die Axt an die kulturellen Fundamente des Duisburger Theaters. Statt Sonntagsreden gibt es derzeit eine handfeste Existenzdebatte; an deren Ende könnte, was 1912 aus bürgerschaftlichem Engagement erwuchs, was nach Kriegszerstörung und Abrisswahn selbst noch den Strukturwandel der Stahlquartiere überstanden hat, einem „Sparbeschluss“ geopfert werden. Arme Musen!

          Urkraft und erotischer Multiplikator: Laimonas Pautienius als Don Giovanni (mit Nataliya Kovalova als Donna Elvira)

          Seit Wochen hält die Duisburger Kulturpolitik nicht nur die Opernfreunde in Nordrhein-Westfalen in Atem: Die offenkundig aus höchster Not geborene Idee des dortigen Kulturdezernenten, die seit 1956 bestehende Operngemeinschaft Duisburgs mit der Landeshauptstadt Düsseldorf aufzukündigen, ist weit darüber hinaus zum Fanal geworden. Zu einem Fanal für das Versagen kommunaler Politik, die sich angesichts völlig aus den Fugen geratener Stadthaushalte wieder einmal der Selbsttäuschung hingibt, sie könne ihre leeren Kassen durch Kürzungen bei den „freiwilligen Leistungen“ sanieren - also bei all dem, was das Leben in einer Stadt überhaupt erst lebenswert macht. Dazu gehört, von Schwimmbädern, sozialen Hilfseinrichtungen und Bücherhallen abgesehen, namentlich im gebeutelten Duisburg von jeher das Stadttheater. Neben dem Lehmbruck-Museum und der neu errichteten Mercatorhalle bildet es das kulturelle Zentrum der 490000-Einwohner-Stadt.

          Ausgliederung der Tanzsparte?

          Doch Duisburg ertrinkt in Schulden, bald 2,2 Milliarden Euro im Ganzen. Deshalb zwingt der „Stärkungspakt Stadtfinanzen“ das Gemeinwesen zu gewaltigen Sparanstrengungen: Bis 2021 muss ein ausgeglichener Haushalt vorgelegt werden; allein für das Jahr 2015 bedeutet das Kürzungen im Kulturetat von sieben Millionen Euro. In seiner Not wagte Karl Janssen, der Kulturdezernent, den Tabubruch und stellte eine Fortführung der sogenannten „Opernehe“ mit Düsseldorf über 2014 hinaus in Frage. Gut zehn Millionen Euro kostet Duisburg die gemeinsame Trägerschaft der Deutschen Oper am Rhein; da blieben, so die naive Rechnung, nach Abzug der Sparauflagen sogar noch drei Millionen für eigene städtische Projekte, etwa die Förderung der Migrantenkultur. Nur vergaß man darüber, dass die Stadt mit den Duisburger Philharmonikern ein bestens etabliertes A-Orchester unterhält, das siebzig Prozent seiner Dienste in der Oper ableistet. Und dass der - gottlob! - denkmalgeschützte Theaterbau in irgendeiner Form weiter bespielt werden muss. Selbst Gastspiele aus Osteuropa - mit „altersschwachen Titelhelden und einer haubitzenhaften Primadonna“, wie „Die Zeit“ ätzte - sind nicht zum Nulltarif zu haben.

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