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Cimarosa-Oper in Frankfurt : Bitte erstechen Sie mich!

  • -Aktualisiert am

Herzeleid, dann Happy-End: Szene mit Angela Vallone (Livia) und Iurii Samoilov (Milord Arespingh) unter der Regie von R. B. Schlather Bild: Monika Rittershaus

Die Wiedergeburt der Oper aus dem Geist der Komödie: R. B. Schlather liefert eine schwungvoll unernste Inszenierung von Domenico ­Cimarosas „L’italiana in Londra“ in Frankfurt.

          3 Min.

          Zwar hat die Oper Frankfurt schon seit dem 12. September den Spielbetrieb wieder aufgenommen, doch stellt es wohl kaum eine Verzeichnung dar, das vergangene Wochenende als eigentliches Ende des pandemischen Würgegriffs zu bezeichnen. Schon am Samstag hatte die Premiere von Händels „Amadigi“ im Bockenheimer Depot stattgefunden, am Sonntag folgte am Willy-Brandt-Platz die Neuinszenierung von Domenico Cimarosas „L’Italiana in Londra“.

          Die Cimarosa-Premiere beendete also, hoffentlich endgültig, die musiktheatrale Hungersnot. Und sie beendete sie nicht mit einem Knall und nicht mit Gewimmer (auch nicht mit vollmundigem Belcanto, wie es sich wohl manche gewünscht ha­ben), sondern mit befreiendem Gelächter. Selten ist in der Oper so oft und so herzlich gelacht worden: über die in den Obertiteln flapsig, aber texttreu übersetzten Scherze des Librettisten Giuseppe Petrosellini ebenso wie über die komischen Ak­tio­nen der Darsteller, deren körperlicher Einsatz an einen der Ursprünge des Werks erinnerte: an die Commedia dell’arte – und nicht zuletzt über den witzigen Drive der Musik.

          Ein Moment der Irritation

          „L’Italiana in Londra“, 1778 in Rom ur­auf­ge­führt und zu ihrer Zeit ein europäisches Erfolgsstück, das 1783 auch schon einmal in Frankfurt erklang, ist eine komische Oper reinsten Wassers. Mag die Mu­sik­wissen­schaft sich über ihre in den Quellen wechselnden Bezeichnungen als „Intermezzo“, „Opera buffa“ oder „Melodramma giocoso“ den Kopf zerbrechen, in Frankfurt ist klar, dass sich hier unter den fünf Gä­sten eines Londoner Hotels nach all dem Trubel letztendlich zwei Pärchen zu­sam­men­finden werden.

          Hitzige Diskussionen vor abstrakter Kulisse: Iurii Samoilov (Milord Arespingh), Theo Lebow (Sumers) und Angela Vallone (Livia).
          Hitzige Diskussionen vor abstrakter Kulisse: Iurii Samoilov (Milord Arespingh), Theo Lebow (Sumers) und Angela Vallone (Livia). : Bild: Monika Rittershaus

          Der amerikanische Regisseur R. B. Schlather inszenierte diese musikalische Komödie schlicht und einfach als solche. Wo sie albern ist, bleibt sie albern. Wo sie – im „hohen Paar“, der titelgebenden Italienerin Livia (Angela Vallone), die ihrem nur scheinbar treulosen Geliebten Milord Arespingh (Iurii Samoilov) nach London gefolgt ist – au­gen­zwin­kernd Elemente der Opera seria einbringt, werden diese ebenso augenzwinkernd umgesetzt. Wo sich am Ende alles Herzeleid in eine rasende Stretta auflöst, da geschieht das auch, und ein klitzekleiner Schlussgag am Ende sorgt zwar für einen Moment der Irritation, verfällt aber nicht in den handelsüblichen Regietheater-Umkehrschluss, sondern löst nur für umso be­freiteres Auflachen des Publikums aus.

          Zwischen Liebessehnsucht und Aufdringlichkeit

          Die scharf umrissenen Komödientypen werden als solche ausgestellt, unterstützt durch die nur zart mit Nationalklischees spielenden Kostüme von Doey Lüthi und das abstrakt-effektive Bühnenbild von Paul Steinberg (nur die Telefonzelle ist nicht britisch!). Schlather hat sich nach eigenen An­gaben von West-End-Theatre-Farcen, den Collagen von Linder Sterling und Monty Python inspirieren lassen. Tatsächlich wirken der geschäftstüchtige, aber warmherzige Holländer Sumers (Theo Lebow) und der liebenswert selbstverliebte und leichtgläubige Neapolitaner Don Polidoro (Gordon Bintner), als hätten sie im Ministerium für alberne Gangarten ein Praktikum absolviert.

          Differenzierter und hinreißend in ihrem Schwanken zwischen pummeliger Liebessehnsucht und lüsterner Aufdringlichkeit ist die Hotelbesitzerin Madama Brillante (Bianca Tognocchi). Sehr gut und stilgerecht singen und spielen sie alle, bella figura machen sie auch. Die einzige Ge­legenheit, tatsächlich etwas Belcanto zu verströmen, hat Angela Vallone. Doch ge­riet gerade ihr ihre „Auftritts“-Arie (tatsächlich schwebt sie herein, in einen Union Jack gehüllt) ein wenig eng und monochrom. Dafür aber steigerte sie sich in ihrer großen Szene im zweiten Akt.

          Stil- und Gattungsbewusstsein

          In Frankfurt – man kann es an so bezaubernden Produktionen wie Flotows „Martha“ und Lehárs „Lustiger Witwe“ erleben – ist es eben noch erlaubt, sich in der Oper schlicht und einfach zu amüsieren. Ein Stück, in dem wesentliche szenische Mo­men­te dadurch bestimmt werden, dass sich jemand sehr irrtümlich für unsichtbar hält oder ein unfreiwilliger Schwertbesitzer gleich zweimal von unglücklich Liebenden aufgefordert wird, sie zu durchstoßen, kann und will auch nicht ernst genommen werden. Genau das gehört zur Freiheit der Kunst – auch wenn die GEMA diesen hinreißenden Abend eigentlich unter „Unterhaltungsmusik“ verbuchen müsste.

          An Cimarosas Partitur, vor allem an den großen Ensembles und den beiden Aktfinalen, kann man die Elemente einer mu­sik­dra­ma­ti­schen Sprache studieren, die auch Mozart beherrschte (wenn im „Figaro“ Susanna ihre Widersacherin „Madama Brillante“ nennt, spielt sie auf „L’Italiana in Londra“ an). Wo aber Mozart eine reichere Orchesterbesetzung, differenziertere Harmonik und vertiefte Psychologie einsetzte, bleibt Cimarosa, nicht aus Unvermögen, sondern aus Stil- und Gattungsbewusstsein, an der Oberfläche: Streicher und Oboen- und Hörnerpaare genügen ihm, um einen rasanten Mechanismus ablaufen zu lassen, der sich an seiner eigenen Bewegung berauscht. Freilich noch nicht so automatisiert wie später bei Rossini: Der Dirigent Leo Hussain organisiert den Fluss ebenso wie die kleinen Impulse, die der Musik und dem Drama eine neue Richtung geben – denn die Opera buffa hat entschieden zur Dramatisierung des musikalischen Zeitverlaufs beigetragen, mit Folgen bis zur Symphonik der Wiener Klassik.

          Zudem gestaltet Hussain in der Begleitung der Rezitative am Hammerklavier einen überaus geistvoll interpunktierenden, manchmal auch humorvoll zitierenden Diskurs – gleichsam als der sechste Gesprächspartner des agierenden Quintetts. Hier kommt, wie stets bei Komödien, alles auf die exakt getimte Pointe an, und hier haben Regisseur und Dirigent wunderbar zusammengearbeitet, Musik und Szene greifen ineinander wie Hand und Handschuh. So lässt sich der Abend auch zusammenfassen als die Wiedergeburt der – Frankfurter – Oper aus dem Geist der Komödie.

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