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Deutsche Theaterlandschaft : Ein Preisschild für Sozialarbeit

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Modernisierter Jugendstil: der Zuschauerraum der Münchner Kammerspiele Bild: Picture-Alliance

Wie sieht die Zukunft des deutschen Stadttheaters aus? Darüber streitet sich die Szene. Aber eins sollte bei der Debatte nicht vergessen werden.

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          Während die einen so stolz auf die deutsche Theaterlandschaft sind, dass sie um eine höchstrichterliche Anerkennung der hiesigen Bühnen durch die Unesco buhlen und sich eine Eintragung in die internationale Liste des immateriellen Weltkulturerbes wünschen, sehen die anderen das deutsche Stadttheatersystem als so rückschrittlich an, dass sie nicht nur grundlegende Reformen fordern, sondern auch jedes Abweichen von ihrer Vorstellung eines progressiven Stadttheaters als „ästhetisches wie politisches Verbrechen“ bezeichnen.

          Dieses starke Wort fällt in einem offenen Brief an den Münchener Stadtrat, in dem eine ansehnliche Anzahl von Theaterleuten aus fester und freier Szene ihre „tiefste Enttäuschung und Irritation“ über die kulturpolitische Entscheidung der Stadt, die umstrittene Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen nicht länger zu unterstützen (F.A.Z. vom 21. März), wuchtigen Ausdruck verleiht. Mit Lilienthal habe eine dringend notwendige Neuausrichtung des deutschen Stadttheatersystems begonnen, das, wie „hinlänglich bekannt“, angesichts seiner ästhetischen Bandbreite, seiner Arbeitsweisen und Beschäftigungsstruktur und seines Selbstverständnisses stark reformbedürftig sei. Die Öffnung hin zu performativen Theaterformaten und einem transnational-polyglotten Diversitätsprogramm sei „ein unerlässlicher Schritt“, die jetzt getroffene Maßnahme dagegen nichts Geringeres als ebendieses „ästhetische wie politische Verbrechen“.

          Reformer: Matthias Lilienthal
          Reformer: Matthias Lilienthal : Bild: dpa

          Der Bedingungszusammenhang, der im Brief an verschiedenen Stellen hergestellt wird, ist vielsagend: Die Junktimierung der Adjektive „ästhetisch“ und „politisch“ sowie die qualitative Gleichsetzung von künstlerischer Variation mit sozialer Diversität zeugen von dem weitreichenden Anspruch, den die hier präsentierte „neue Idee von Stadttheater“ stellt: dass sich nämlich die ästhetische (nicht etwa die soziale oder organisationspolitische) Qualität eines Theaters in erster Linie dadurch beweist, dass möglichst viele verschiedene Identitäten solidarisch zusammenarbeiten und gemeinsam ihre Vielstimmigkeit feiern. Die Essenz der parlamentarischen Demokratie und die des Theaters sei dieselbe, heißt es am Ende des unter anderen von Künstlerkollektiven wie Rimini Protokoll, Gob Squad und She She Pop, aber auch von gut beschäftigten Regie- und Choreographiepersönlichkeiten wie Ersan Mondtag, Susanne Kennedy, Nicolas Stemann, Constanze Macras und Meg Stuart unterzeichneten Briefes, nämlich: „ein Fest der und eine Konfrontation mit Diversität“.

          Neben der oft beklagten Missachtung des Kanon- und Ensemblegedankens, die durch die Lobpreisung internationaler Kollaborationen und den enthusiastischen Ruf nach einer Grenzaufhebung zwischen den verschiedenen Darstellungsmitteln deutlich wird, lautet die eigentliche Streitfrage, die sich an der präsentierten Neukonzeption von Theater entzünden sollte: Was heißt und zu welchem Zweck gebraucht man hier die Ästhetik? Wird sie als Auszeichnung, gewissermaßen als Preisschild für sozial besonders harmonische Praxisarbeit verliehen?

          Dann wäre mit „ästhetisch“ gemeint, dass auf der Bühne die Diversität der Gesellschaft besonders gut und umfassend repräsentiert wird. Ästhetischer Fortschritt ließe sich dann am jeweiligen Umsetzungswillen identitätspolitischer Paradigmenwechsel messen. Die mögliche Gefahr eines solchen Ästhetikbegriffs liegt auf der Hand: Sie besteht darin, dass das Theater in eine zu starke Abhängigkeit von tages- und moralpolitischen Entscheidungen gerät und über kurz oder lang zumindest dem Gestus nach nicht mehr von einer NGO oder Bürgerinitiative zu unterscheiden ist. Das ist die eine Bedrohung.

          Die andere Gefahr für das Theater ist seine Musealisierung. Auch wenn die Eignung zum Weltkulturerbe vor allem quantitativ, mit der international herausragenden Zahl an Theaterhäusern in Deutschland, begründet wird, hat die Verleihung eines solch ehrenvollen Verdienstordens, mit dem bisher aus Deutschland nur die Idee der Genossenschaft und des Orgelbaus ausgezeichnet worden sind, zumindest eine betriebspsychologische Konsequenz: Man fühlt sich dadurch am schöpferischen Höhepunkt angekommen, von aller Welt geachtet und bewundert, in Gesellschaft von Honoratioren und Würdenträgern. Mit anderen Worten: Man wird zum Denkmal.

          Das Theater ist kein guter Ort für Repräsentation. Weder im symbolischen noch im sozialen Sinne. Die deutsche Theaterlandschaft braucht keine Auszeichnung und keine Fortschrittsideologie. Sie muss eigenartig bleiben. Und formbewusst. Arbeitsweisen und Beschäftigungsstrukturen werden sich in Zukunft zu Recht ändern. Aber die wichtigste Grundregel darf dabei nicht außer Kraft gesetzt werden: dass hier das Spiel alles ist und alles andere nichts.

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