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Dirigent Titus Engel : Die Politik fällt als Partner zunehmend aus

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Natürlich bin ich persönlich empört, wenn trotz aller guten Ideen und Investitionen in die hygienischen Standards, trotz aller Studien, dass die Ansteckungsgefahr anderswo viel größer ist als in Konzertsälen oder Museen, die Kultureinrichtungen mit als Erste geschlossen wurden und nun offenbar als Letzte wieder geöffnet werden sollen; und natürlich bin ich enttäuscht, wenn ich mich frage, wo in dieser Situation eigentlich die Kunstakademien oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk bleiben, die doch unsere Interessen mit wahrnehmen könnten.

Aber Empörung und Enttäuschung bringen nichts, wenn wir uns nicht auch besser vernetzen. Das macht die Wirtschaft viel effektiver und wirksamer, während unter uns Künstlern eine gewisse Saturiertheit zu herrschen scheint. Gegen diese Tendenz will ich mich engagieren, wobei es dann auch um die Zeiten nach der hoffentlich irgendwann überwundenen Pandemie gehen muss. Es ist absehbar, dass in den kommenden Jahren massiv Haushaltslöcher gestopft werden müssen – mit der Kultur als erfahrungsgemäß erstem Sparkandidaten.

Sie erwähnten vorhin die Kulturbeauftragte des Bundes. Aber entscheidende Hebel dafür, was passieren darf, liegen ja bei den Ländern und Kommunen.

Der Föderalismus mag unter extremen Umständen wie jetzt auch ein strukturelles Problem sein, aber mir erscheint er zuerst einmal als mentales: zu viel Beamtendenken, zu viel Verantwortungsdelegierung, zu viel Entfremdung vieler Politiker vom traditionellen Bildungsbürgertum, wo das Leben in und mit Kultur eine Selbstverständlichkeit war. Es scheint, dass es auf den Entscheidungsebenen vieler Bundesländer keine kompetenten Ansprechpartner für Künstler gibt, mit denen gemeinsam vielleicht – Stichwort „Krise als Chance“ – über zukünftige Strukturreformen nachzudenken wäre. Da könnten die Erfahrungen der Pandemie Routinen aufbrechen: mit einer besseren Förderung freischaffender Ensembles etwa oder Anreizen für eine mutigere und offenere Repertoiregestaltung.

Sind die aktuellen Zwangspausen wenigstens dafür gut, sich gründlicher in Werke zu vertiefen, die im Normaldasein eines freien Dirigenten bisher liegenbleiben mussten?

Es sind Spielräume wider Willen, aber man sollte sie trotzdem nutzen. Aktuell versuche ich Kompositionen der ganz jungen Komponistengeneration kennenzulernen. Und ich beschäftige mich intensiv mit Bruckner, Mahler und Brahms – sowohl mit den Partituren wie mit der historischen Aufführungspraxis; zum Beispiel mit den hochinteressanten Notaten des Dirigenten Fritz Steinbach, der in Meiningen direkten Kontakt zu Brahms hatte.

Diese Aufzählung erstaunt etwas, Sie gelten ja zuerst als Mann der Neuen Musik.

So bin ich vor zwanzig Jahren gestartet, und das mache ich nach wie vor sehr gerne: Stockhausen, Glass, Newski, Wertmüller ... Aber ich möchte weg vom Spezialistentum, und Verdis „Traviata“ in Basel ist vielleicht gerade dadurch etwas anders geworden, weil dort auch meine kontinuierlichen Erfahrungen mit aktuellen Partituren eingeflossen sind.

Ich finde musikgeschichtliche Brücken und Querbeziehungen enorm reizvoll, mein Traum wären Programme mit einem Ensemble, das sich sowohl mit dem Spiel auf historischen Instrumenten als auch mit der zeitgenössischen Musik auskennt – und mit dem man vielleicht auch ganze Werkserien projektieren könnte, zum Beispiel von weniger bekannten Komponisten und Komponistinnen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, die es wieder zu entdecken gilt. Leider ist es schwierig, für solche Projekte eine Finanzierung zu bekommen – doch möglicherweise können die aktuellen Corona-Erfahrungen, wo sich ja Hörer und Künstler gleichermaßen auf neue, experimentelle Wege einlassen müssen, als Türöffner für zukünftige Besserungen wirken.

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