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Simon Rattle geht : Ein Abschied mit Selbstironie

  • -Aktualisiert am

Charakteristisch: Simon Rattle im Orchestergraben der Berliner Philharmoniker Bild: obs

Nach sechzehn Jahren verlässt der Dirigent Sir Simon Rattle die Berliner Philharmoniker. Mit seinem Abschied geht eine Ära zu Ende.

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          Eigentlich geht das doch ganz prima ohne Dirigenten. Gleich nach dem Einstimmen gibt ein Schlagzeuger der Berliner Philharmoniker den Takt vor mit seinen Stöcken, der Rest des Ensembles beginnt zu swingen, die Stimmung ist gut, Sir Simon Rattle bald nicht mehr weit. Zum Jazz, den sein Orchester da fabriziert, tritt er durch die Tür, die Hände tief in die Taschen des Jacketts vergraben, als gäbe es für ihn nichts zu tun, langsam schreitet er zum Podium und zieht dann doch einen Stab hervor. Sobald er zum Einsatz schlägt, wird die Musik geräuschhaft und dissonant. Die Kontrabässe brummen missmutig, die Blechbläser lassen gelangweilt Luft durch ihre Instrumente rauschen, bald ächzt und faucht das ganze Orchester, die Stimmung wird immer erregter und wilder, an die unbeschwerte Laune des Beginns erinnern noch Tanzfetzen, die sich aus dem symphonischen Lärm lösen. Schließlich steckt Rattle den Stock wieder weg und seine Hände tief in die Taschen wie zu Beginn und wandelt von dannen, offenbar im melancholischen Bewusstsein der eigenen Entbehrlichkeit. Der Chef hat sich getrollt, die Philharmoniker kehren fröhlich zurück zum Swing.

          „Tanz auf dem Vulkan“ hat Jörg Widmann sein kurzes Stück genannt, das er Simon Rattle zum Abschied als Philharmoniker-Chef schrieb. Halten wir uns nicht weiter beim abgegriffenen Titel auf oder bei der Frage, ob es zu solch einem Anlass nicht auch mal ohne den dauerpräsenten Auftragswerk-Komponisten gegangen wäre: Widmann gelang mit seinem szenisch-akustischen Stück ein recht pointierter Scherz auf das Verhältnis zwischen Rattle und seinem Orchester. Immer wieder hat der britische Dirigent in den vergangenen Jahren betont, wie hart und zermürbend die Arbeit mit diesem Klangkörper sei, den man getrost den eigenwilligsten der Welt nennen darf. Widmann nun führt beide Parteien als gänzlich unabhängige, fast fremde Teile vor. Der Dirigent kommt und geht, der Tanz auf dem Vulkan ist seine Bewährungsprobe vor den anspruchsvollen Musikern. Dass die Stimmung deutlich besser ist, bevor der Orchesterleiter auf dem Podium erscheint und rhythmisch vertrackten Kram dirigiert: Der schauspielernde Sir Simon trägt die Pointe bei der Aufführung in der Philharmonie mit Selbstironie.

          Als wolle er etwas beweisen

          In der theaterfernen Realität reagierte der Dirigent zuletzt eher energisch auf die Herausforderung, das geliebte, gehasste Orchester zu leiten: mit zusätzlichem Krafteinsatz. Viele Aufführungen der vergangenen Zeit hatten etwas Forciertes, so, als wolle Rattle mit aller Kraft beweisen, dass er doch stärker sei als sein Ensemble, oft begleitet von der Mimik und Gestik eines Schlagzeugers, der aufgestaute Aggression an seinem Instrument auslässt. Dann sausten die Arme herunter, der Dirigierstab stach in die Tiefe – da, wo sich die von Rattle geliebten Bässe regen –, und auf dem Gesicht zeigte sich jenes rattletypische Lächeln mit hartem Unterkiefer, das von Lust und Bissigkeit zugleich erzählt. Eine Aufführung von Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ wie vor einem Jahr konnte da zur philharmonischen Gewaltorgie werden: Ich schlage euch, bitte schlagt mich auch! Und die Philharmoniker schlugen kräftig zurück.

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