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Dirigent Justin Doyle : Die Engländer sind schnell, aber die Deutschen sind tief

  • -Aktualisiert am

Der Dirigent Justin Doyle im jahr 2018 in der Elbphilharmonie Hamburg Bild: Matthias Heyde

In Deutschland wollen Sänger genau wissen, was sie tun: Der Dirigent Justin Doyle spricht über Klang und Musikalität, über Singen als Erzählen, über den Ersten Weltkrieg und seinen Rias-Kammerchor

          Seit einem Jahr ist Justin Doyle Chefdirigent des Rias-Kammerchores – nach Marcus Creed erst der zweite Brite an der Spitze des Ensembles. Um Briten und Deutsche geht es auch in dem neuen Werk von Roderick Williams, das jetzt im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie zur Uraufführung gelangt: Es erinnert an das Ende des Ersten Weltkriegs. Geprobt wird im eigenen Saal in Berlin-Friedenau, eine Teeküche nebenan bietet Raum für ein Interview. F.A.Z.

          Als Sie vor einem Jahr Chefdirigent des Rias-Kammerchores wurden, kannte Sie in Deutschland so gut wie niemand. Sie haben nach wie vor keine Website, es gibt auch keinen Wikipedia-Eintrag zu Ihrer Person.

          Ich suche die Öffentlichkeit nicht unbedingt. Ich zähle auch nicht zu jenen, die es von Natur aus auf die Bühne zieht. Mich interessiert die musikalische Arbeit. Außerdem habe ich Zwillinge im Alter von fünf Jahren, meine Frau ist als Sängerin tätig, ich benötige viel Zeit, um neue Programmideen zu entwickeln. Mein Interesse an Gastauftritten hält sich in Grenzen, ich möchte mich auf den Rias-Kammerchor konzentrieren.

          Wie war denn Ihre erste Saison mit dem Chor?

          Wunderbar. Die Sängerinnen und Sänger sind ja nicht nur brillante Musiker, sie wollen auch ganz genau wissen, was sie tun. Es gibt ein großes Verantwortungsgefühl in diesem Chor, ein Wissen um die direkte Teilhabe am künstlerischen Ergebnis, gepaart mit einem gesunden Stolz. Und weil wir ein gemeinsames Ziel verfolgen, wird die Arbeit dadurch sehr viel einfacher.

          Welches Ziel ist das?

          In die Tiefe zu gehen. Dass wir genau Bescheid wissen über das, was wir tun.

          Vor einem Jahr in Ihrem Berliner Antrittskonzert mit Claudio Monteverdis „Marienvesper“ schien es, dass der Chor noch nicht alles umsetzen konnte oder wollte, was sie gezeigt haben.

          Es ging für den Chor ja auch um das Erlernen einer neuen Zeichensprache und darum, Vertrauen zu gewinnen in mich und in das, was ich zeige. In solch einer Situation bewegt man sich zunächst im Umfeld einer sicheren Mitte, auch bei der Lautstärke. In unserem zweiten Programm mit Werken von Benjamin Britten haben wir schon viel mehr gewagt. Mittlerweile reagiert der Chor äußerst flexibel auf alles, was ich zeige. Das empfinde ich als ein großes Geschenk.

          In dieser Saison feiert der Rias-Kammerchor seinen siebzigsten Geburtstag. Spüren Sie etwas von der Tradition?

          Es gibt eine starke Tradition des Klanges und auch der Sorgfalt, mit der gearbeitet wird. Und es besteht eine große Tradition, was das Repertoire betrifft. Drei Säulen gibt es da: die neue Musik, die von Anfang an eine besondere Rolle beim Rias-Kammerchor spielte. Das drückt sich nicht zuletzt in der großen Zahl von Auftragswerken aus. Dann die Musik von Johann Sebastian Bach, dessen Kantaten schon in den ersten Jahren des Chores ganz wundervoll eingespielt wurden. Und drittens passt der warme Klang des Chores außerordentlich gut zu den Werken der Spätromantik. Alle drei Säulen berücksichtigen wir in unserem Jubiläumskonzert, aber auch die gesamte Saison über. Wir wollen zeigen, dass die Tradition lebendig ist und fortgeschrieben wird.

          Sie haben für das Konzert, das auch an das Ende des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren erinnern soll, ein neues Stück in Auftrag gegeben: „World without End / Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ von Roderick Williams. Zum Geburtstag ein Stück über den Krieg.

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