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Dirigent Christian Thielemann : Brautschau mit Bruckner

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Da kam der dreiköpfige Orchestervorstand auf die Idee, eine Mitentscheidung über Gastdirigenten und ihr Repertoire zu verlangen. Vorausgegangen waren, so der Orchestervorstand, „Konflikte im administrativen Miteinander“, die sich, schenken wir Thielemanns Worten sowie den aus Orchesterkreisen kolportierten Berichten Glauben, auf die orchesteralltäglichen Scharmützel um Urlaubsregelungen, Anwesenheiten, Abwesenheiten und Dienste zumal bei Stimmführerstellen bezogen. Die Stadtvertreter änderten daraufhin im Zuge dieser „Nachverhandlung“ die Vertragsvorlage. Keineswegs so, wie die Orchestervertreter es sich gewünscht hatten. Jetzt sollte die Programmkompetenz, Gastdirigenten betreffend, vom Generalmusikdirektor ohne Abstriche übergehen an den Intendanten.

Dieser Intendant heißt zurzeit Paul Müller. Dass Christian Thielemann den neuen Vertragspassus nicht akzeptieren wollte, versteht sich. Dass aber Herr Müller nicht nur nichts dazu zu sagen hatte, geschweige denn mäßigend oder auch nur moderierend einwirkte auf Orchestervorstand, Orchester, Kulturreferat oder GMD, dass er nichts klarstellte und überhaupt zum ersten Mal am 11. August aus der Deckung trat, als das Kind schon im Brunnen lag und die ersten Abos gekündigt worden waren, zeigt, dass er mit der Vertragsänderung zu seinen eigenen Gunsten einverstanden ist. Müller, der zuvor als Orchestermanager in Bamberg gute Arbeit geleistet hatte, ist für eine graue Eminenz vielleicht noch viel zu jung, zu arglos und zu unbedeutend. Er wird nun immerhin in Erinnerung bleiben als der Kulturmanager, der Christian Thielemann aus München verjagt hat.

Dumm-grobianisch und vogelstraußschlau

Müllers Beruhigungsbrief an die Abonnenten wurde umgehend veröffentlicht. Es heißt darin: Man werde ab sofort „nach Persönlichkeiten Ausschau halten, die den hohen künstlerischen Anforderungen der Philharmoniker und der Musikstadt München angemessen sind“. Aus äsopischer Sprache rückübersetzt heißt dies: Thielemann ist keine adäquat künstlerische Persönlichkeit. Eine Irrsinnsthese, die nicht mal die Thielemannkritiker aufstellen würden, die Thielemanns Klangbild ablehnen oder aber an seinem burschikosen Führungsstil herummeckern, die etwas vom Ende der Machtvollkommenheit der Maestri faseln oder herumorakeln über die pastose Dumpfheit „deutschen“ Klangs, was immer das sein mag.

Thielemann ist unbestritten der einzige deutsche Dirigent von internationalem Rang und Ruf. Er ist erst fünfzig Jahre jung. Kulturpolitiker, die dieses musikalische Entwicklungspotential für ihre Stadt nicht erkennen und abtreiben wollen, sind unfähig. Auch Thielemann schrieb übrigens einen Brief an die Abonnenten, in dem er in klarer deutscher Prosa zweierlei richtigstellt, worauf das Kulturreferat neu reagieren müsste: Er will bleiben, und er will sich mit dem Orchester einigen. Dieser Brief wurde auf Anweisung von Bürgermeister Ude nicht verschickt.

Was sich also nach außen hin scheinbar so unaufhaltsam entwickelt hat wie eine Naturkatastrophe, dahinter steckt ein kulturpolitischer Wille, so dumm-grobianisch und zugleich vogelstraußschlau, wie es nur in München möglich ist: Erst mal so tun, als wäre nix. Dann zum Jagen tragen lassen. Und anschließend nach Diktat verreisen.

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