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Dirigent Charles Mackerras gestorben : So klingt das zarte Wimmeln der Natur

Ein Australier, der im Vereinigten Königreich zuhause war: Sir Charles Mackerras Bild: dpa

Durch ihn wurde Leoš Janáček erst zum Klassiker: Sir Charles Mackerras, der ewig junge Dirigent und Anwalt der tschechischen Musik, ist im Alter von vierundachtzig Jahren in seiner Wahlheimat London gestorben.

          Wer das Glück hat, einen der jetzigen Sommerabende draußen zu verbringen, und wer dabei noch ganz still zu sein vermag, der hört, wie planvoll so ein Tag ausklingt: Nach den letzten Tönen der Amseln bleibt das Schwirren der Schwalben und Mauersegler übrig; sind auch sie still, setzt das Zirpen der Grillen ein, und vielleicht raschelt dazu ein Igel in den Hecken. Der Komponist Leoš Janáček hat sich diese Tonfälle genau notiert, um daraus Musik zu machen. Ekstatische Feiern der Natur sind so entstanden, und in all ihrer Vielstimmigkeit, ihrer Schönheit und Grausamkeit konnte man sie in den letzten Jahrzehnten am herrlichsten hören, wenn der Dirigent Sir Charles Mackerras sich ihrer annahm. Er fand die Töne für das zarte Wimmeln der Fülle, aber auch für die protzende Kreatürlichkeit, die feiste Vulgarität des an sich selbst berauschten Lebens.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Mackerras Sensibilität dafür hatte ihren Grund in seiner seltsam verschlungenen Biographie. Als Alan Charles Maclaurin Mackerras kam er am 17. November 1925 in New York zur Welt. Seine Eltern waren Australier, er selbst kehrte nach Australien zurück, studierte dort Oboe und wurde 1946 Solo-Oboist des Sydney Symphony Orchestra. Doch es zog ihn zum Dirigieren, nach Prag, wo er 1947 Schüler von Václav Talich wurde. Talich hatte als Geiger noch unter der Leitung von Dvořák in der Tschechischen Philharmonie gespielt.

          Die Musik spricht tschechisch

          Diese Konstellation entwickelte sich zu einem Glücksfall: Der in Amerika geborene Australier verleibte sich durch direkten persönlichen Kontakt eine authentische Musiziertradition ein. In seiner jüngst erschienen CD mit Dvořáks später „Waldtaube“, aufgenommen im September 2009, konnte man das wieder bewundern: Nicht auf Glanz und Druck, also auf Oberflächenversiegelung abzielend, sondern voll Wachheit und innerem Leben tritt einem der Orchesterklang entgegen. Die Artikulation ist so plastisch, dass man merkt, wie sehr diese Musik tschechisch spricht, ohne die Worte zu enthüllen.

          November 2005: Königin Elizabeth II. überreicht Sir Charles Mackerras (rechts) die Queen's Medal For Music. Mit dabei Sir Peter Maxwell Davies, königlicher Musikmeister

          Sir Charles Mackerras, Ehrenbürger von Prag, ist in der Nacht zum Donnerstag mit 84 Jahren in London gestorben. Großbritannien, wo er 1979 geadelt wurde, war seine bevorzugte Wirkungsstätte. In London hatte er 1951 die englische Erstaufführung von Janáčeks „Katja Kabanowa“ dirigiert und sich seitdem weltweit so energisch für diesen Komponisten eingesetzt, dass sagen kann: Ohne Mackerras wären Janáceks Opern heute nicht derart im Repertoire verankert. Seine Einspielungen dieser Meisterwerke mit den Wiener Philharmonikern und der Sopranistin Elisabeth Söderström gehören zu den größten Leistungen der Interpretationsgeschichte im 20. Jahrhundert.

          Philologie, Spielweise, Klangbild - das war die Reihenfolge seines Vorgehens

          In den sechziger Jahren gastierte Mackerras häufig in der Tschechoslowakei, in Polen und der DDR. Er nutzte die Reisen zu ausgiebigen Quellenstudien, machte sich Notizen, kaufte billig Stimmenmaterial zu klassischen Orchesterwerken ein und versah alles in mühsamer Fleißarbeit mit Vortragsanweisungen. Aus diesem Material wurde dann stets gespielt, wenn Mackerras zu einem Orchester kam. Philologie, Spielweise, Klangbild – das war die Reihenfolge seines Vorgehens. Auf alte Instrumente legte er weniger Wert, und dennoch berührte sich sein Musizieren im Ergebnis eng mit den Vertretern der historischen Aufführungspraxis. Als Dirigent der Werke Purcells, Händels, Glucks und vor allem Mozarts genoss Mackerras einen fabelhaften Ruf.

          Besonders der Pianist Alfred Brendel schätzte ihn dafür. Als er sich entschlossen hatte, am 18. Dezember 2008 in Wien endgültig vom Konzertpodium abzutreten, wählte Brendel als letztes Stück Mozarts Es-Dur-Konzert KV 271. Am Pult der Philharmoniker stand damals Mackerras. Brendel hat sich erst kürzlich wieder, in seinem Buch „Nach dem Schlussakkord“ (Hanser-Verlag), fasziniert über Mackerras geäußert: „Schon in jungen Jahren hatte ich den Eindruck, der sogenannte Altersstil sei ein Kompromiss mit der Arthritis: Ein Musiker, der sich nach siebzig seinen natürlichen Schwung bewahrt hat, ist also selten. Unter den Dirigenten nenne ich als erstaunliche Beispiele Claudio Abbado und Charles Mackerras.“

          Wagner lag ihm weniger

          Das Repertoire dieses Dirigenten war breit. Bei Brahms und Elgar konnte man viel von ihm lernen. Wagner lag ihm weniger. Umso mehr liebten ihn die Briten, weil er sich sachkundig und gewitzt für die Operetten von Gilbert und Sullivan stark machte. Mackerras war der erste Nicht-Brite, der 1980 bei der Last Night of the Proms am Pult des BBC Symphony Orchestra stehen durfte; für kommende Woche war sein nächster Auftritt bei den Proms geplant. Im September und Oktober sollte er die Berliner Philharmoniker dirigieren. Nicht nur dort wird man ihn nun vermissen.

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