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Dimiter Gotscheff zum Siebzigsten : Magie der Leere, Krieg und Spiel

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Strubbeliger Querkopf: Der Regisseur Dimiter Gotscheff im November 2008 in Venedig Bild: Graziano Arici / eyevine

Er kann die schwersten Themen federleicht auf die Bühne bringen und die Akteure in beschwingteste, intelligenteste Spiellaune versetzen: Dem Regisseur Dimiter Gotscheff zum Siebzigsten.

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          Eine seiner schönsten Inszenierungen glückte ihm mit ein paar hervorragenden Darstellern und sonst nichts als Rauch, Licht - und Liebe: Es war Tschechows Frühwerk „Iwanow“, das der puristische Theater-Aufräumer Dimiter Gotscheff, den Typen mehr als Individuen, Verhältnisse mehr als Verhalten interessieren, 2005 in der Berliner Volksbühne wie aus dem Nichts grandios wirklich werden ließ. Voll kühlster Sympathie scheuchte er die Figuren als allgemein unmenschliche Schwadroneure aus ihrer depressiven Gemütlichkeit auf die Schlachtfelder heutiger Ökonomie, um sie so vom Kopf auf die Füße zu stellen.

          Was er da im spartanischen Bühnenbild von Katrin Brack als eine überwältigende Magie der Leere zelebrierte, gelang ihm später am Deutschen Theater Berlin auch mit den „Persern“ in einem ähnlich minimalistischen Raumentwurf von Mark Lammert. Die schnörkellose Inszenierung mit Samuel Finzi und Wolfram Koch zauberte aus der dramatischen Kriegsanalyse des Aischylos ein lichtes Kinderspiel über Macht und Mächtige, Werden und Vergehen. Dimiter Gotscheff kann die schwersten Themen federleicht auf die Bühne bringen und die Akteure in beschwingteste, intelligenteste Spiellaune versetzen, kann sich aber auch, wie in letzter Zeit leider öfter, gehörig verheben. Dann gerät ihm alles zu einem enttäuschenden Hirn- und Herzkrampf.

          Die Wahrheit als Wille und Wunschtraum

          Geboren in Bulgarien, kam er 1962 nach Ost-Berlin, studierte erst Veterinärmedizin und wechselte bald zur Theaterwissenschaft. Er assistierte bei Benno Besson und Fritz Marquardt und lernte Heiner Müller kennen, der zu seinem bis heute tief verehrten künstlerischen Ziehvater wird. Seit 1986 arbeitete „Mitko“, wie ihn alle nennen, in Düsseldorf, Bochum, Hamburg und Berlin, wo er daheim ist.

          Überall pflegt er sein stringentes und wortgenaues, manchmal allerdings intellektuell arg verquältes Aufklärungstheater, das er seine Protagonisten in eine intensive Körpersprache übersetzen lässt. Doch immer geht es Dimiter Gotscheff, diesem strubbeligen Querkopf, um die Wahrheit als Wille und Wunschtraum jenseits von Ideologie, Kommerz, Metaphysik - inmitten der Unaufrichtigkeiten einer kunstfern flachen, satten, ordentlich frisierten Umgebung. An diesem Donnerstag wird er siebzig.

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