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Neues Kunstliedfest in Berlin : Hören auf der Couch

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Dietrich Henschel (stehen) und Sholto Kynoch am Klavier im Kühlhaus Berlin. Bild: Gustav Henschel

Neue Formen der Geselligkeit probiert das von Dietrich Henschel organisierte Liedfest im Kühlhaus Berlin aus: Sitzgrüppchen mit Weinbar sind der Kunst von Franz Schubert und Hugo Wolf nicht abträglich.

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          Ein klassischer Klavierliederabend erscheint vielen immer noch als Inbegriff eines reserviert-kennerischen, feingeistig ab- und nachschmeckenden Bildungsbürger-Kulturvergnügens. Doch siechen nicht just solche erlesenen Spezialitäten, nur gelegentlich leise beklagt, gerade vor unseren Augen und Ohren dahin? Einschlägige Veranstaltungen werden, über die Jahre gefühlt, immer seltener.

          Andererseits: Wenn das nun alles gar nicht wahr wäre, kein Grund zur Betrübnis, sondern eher eine Frage des Sich-locker-Machens, einer weniger frontal unterrichtenden als interagierenden und integrierenden Kommunikation? Dann könnte es so ausgehen wie bei Ania Vegry und Simon Bode, die sich und den Hörern ein Gaudium bereiteten, als sie aus Hugo Wolfs „Italienischem Liederbuch“ und einer Wildblumenwiese italienischer Originalliteratur – von Gianni Ferrios Schlager „Parole, parole“ aus den Siebzigern bis zu einer Szene aus Donizettis „Liebestrank“ – ein amüsantes Dramolett um Werben und Begehren, Zank und Wiederfinden machen: komödiantische Talente beide, denen man die Lust anmerkte, einmal selbst Regie führen zu können. Nichts wurde beschädigt – weder Wolfs gelegentlich sarkastische Aphoristik noch das schmalzlockige Gefühlstheater eines Bellini oder Tosti; doch solcherart mit zwei präsenten Persönlichkeiten und Stimmen zur schmunzelnd-hintergründigen Sitcom verdichtet, wuchs den Gesangsminiaturen eine weitere, gesellig distanzabbauende Dimension zu.

          Wechselspiel von Versunkenheit und Aufbruch

          Natürlich ist nicht jede Literatur dieser Art Aufbereitung zugänglich. Wenn nach dem feinsinnig differenzierenden Tenor und seiner belustigend zwischen Sentiment und Verzicktheit changierenden Sopranpartnerin eine Stunde später Coline Dutilleul mit sattem Mezzosopran ei­ne dichte Reihe jener Nacht- und Traumlieder sang, mit denen sich das Pariser und Wiener Fin de Siècle – Debussy, Alma Mahler, die Boulanger-Schwestern, Schönberg und Berg in ihren freitonalen Anfängen – aus den Zumutungen der Tages-Echtzeit zurückzogen, wurde die äußere Aktion zur inneren, die Handlung zum Seelendrama: im Wechselspiel von Versunkenheit und pathetischen Aufbruchsgesten, in der gespannten Intensität des Zusammengehens der Sängerin mit dem Pianisten Kunal Lahiry und seiner achtsam eingehegten, aber an wenigen Stellen dann nachgerade sinfonisch expandierenden Klanggestaltung.

          Beim italienisch inspirierten Programm hatte Jan Philip Schulze am Steinway gesessen, munter-extrovertiert als sportiver Taktgeber des sich zoffenden Duos. So engräumig erleb- und vergleichbar aber war das alles, weil sich für ein langes Wochenende diese beiden mit weiteren fünf Programmen und einem Meisterkurs zu einem originellen „LiedFest Berlin – Oxford“ im Kühlhaus Berlin verzahnten. Die englische Universitätsstadt war nicht der einzige internationale Kooperationspartner; auch nach Graz und Triest gab es Verbindungen. Aus der italienisch-slowenisch-steiermärkischen Grenzregion, wo einst Hugo Wolf seine frühe Prägung erfuhr, kam neben künstlerischem Exportgut auch Handfestes: Catering und Weinbar waren mit Feinheiten aus dem mediterran-alpinen Mischgebiet bestückt.

          Was man nicht gering schätzen sollte, weil sich das zwanglose Entlangtrinken an den einzelnen Musikblöcken hier im Kühlhaus – freundlich einladende, locker gruppierte Vintage-Couches und Sitzgrüppchen zwischen kräftig illuminiertem Industriebeton – geradezu als integraler Bestandteil des Ganzen erwies. Es ließ sich also auch abseits der Klänge gut aushalten, und genau so hatte es der Bariton Dietrich Henschel geplant und bei einem Tag der offenen Tür mit freiem Eintritt vorab schon einmal ausprobiert: „Da kamen die Jugendlichen von der Straße rein, feixten erstmal, als sie mitkriegten, was los war – und blieben dann trotzdem.“

          Früher war Coolness angesagt

          Was den Sänger nachhaltig in seiner Meinung bestärkt, dass die guten Zeiten für das Kunstlied keineswegs vorbei sein müssen: „Vor zwanzig Jahren war Coolness angesagt, starke Gefühle galten als peinlich. Das ist aktuell wieder anders. Und weil außerdem die jetzt jüngste Hörergeneration oft kaum noch Erfahrung mit den klassischen Aufführungsformaten hat, gibt’s auch kaum Scheuklappen. Das bringt Chancen abseits gewohnter Dramaturgien.“ Die im Übrigen vielleicht noch wirksamer genutzt werden könnten, wenn neben dem Zugriff auf das neue Publikum auch das traditionsgestählte weiter im Blick bliebe: neben der Programmfolge per QR-Code vielleicht doch auch ein paar gedruckte Blätter, zur poppigen Werbung im Internet ein Satz gut platzierter Papierplakate. Womöglich hätten sie dem Fest noch mehr Aufmerksamkeit generiert, ohne seinem familiären Charakter Abbruch zu tun.

          Denn der, ohne Frage, trug ebenfalls zum Reiz des Ereignisses bei. Künstler, die den Freiraum haben, ihre Kollegen zu hören und sich vor ihnen hören zu lassen; der erfahrenste – Henschel eben – in einer elegant bewältigten Vierfachrolle als Manager, Moderator, Meisterkurs-Dozent und Sänger. Der Auftritt, den er mit der durchschlagskräftig expressiven, bisweilen ein wenig übersteuerten Lotte Betts-Dean gab, war musterhaft nicht nur im Sinne feinstgestufter Textausdeutung, sondern auch in der nachformenden Anpassung an die heikle Raumakustik. Wie da ein Block mit Schubert-Liedern von der bleiernen Gebanntheit der „Meeresstille“ in die schwarze Depression des „Zwergs“ hineinlief, war geradezu ein Abstieg in die Unterwelt – mitgeformt auch vom weich fließenden, leuchtend auratischen, aber nie nach vorn drängenden Klavierklang Sholto Kynochs, der sich nicht weniger in der Würde von Vaughan Williams’ „Songs of Travel“ oder den irrlichternden Gefühlsbrüchen von Mahlers „Liedern eines fahrenden Gesellen“ bewährte. Auch als Schule des Hinhörens sollte das Kunstlied seine Zukunft haben; man kann es immer noch gut brauchen.

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