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Dietrich Fischer-Dieskau ist tot : Das Genie der hohen Deklamation

  • -Aktualisiert am
Dietrich Fischer-Dieskau 1925 - 2012
          3 Min.

          Jean Cocteau entdeckte mit sensiblem Ohr bei Dietrich Fischer-Dieskau das Geheimnis großen Singens: „Sie singen so, als komponierten Sie im Augenblick des Singens.“ Das hört sich irgendwie ganz einfach an. Ist es aber nicht: Ein genuiner Sänger, ein Liedsänger besonders, darf sich nicht mit dem Produzieren „schöner Töne“, dem Dahinfließen einschmeichelnder melodischer Linien begnügen – was natürlich immer auch vordergründig Effekt macht.

          Liedgesang muss ja die perfekte Verbindung, ja Durchdringung von Wort und Ton sein. Die gedankliche Erfassung dessen, was da im Text mitgeteilt und ausgedrückt werden soll, und dann die kongeniale Verschmelzung mit den musikalisch-vokalen Ausdruckselementen, die der Komponist gleichsam als überhöhenden Kommentar hinzugefügt hat – erst wenn diese beiden Schichten eines Kunstliedes in perfekter Ausgewogenheit in eine geschlossene Gestaltung einfließen, kann von authentischem Liedgesang gesprochen werden.

          Geistig durchdrungene Musik

          Der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau erfüllte diese Ideal-Voraussetzungen der Liedkunst geradezu perfekt. Er hätte es einfach gehabt, seinen hohen lyrischen Bariton als vokale Verführung einzusetzen – der Erfolg wäre ihm ebenso sicher gewesen. Aber Fischer-Dieskau, einer Berliner Gelehrtenfamilie entstammend, verweigerte sich, intelligent, wie er war, diesem schlichten Rezept.
          Von Anfang an bestimmte die geistige Durchdringung eines jeden Liedes seine Interpretationen.

          Dietrich Fischer-Dieskau, der schon 1947 seine erste „Winterreise“ aufnahm, hatte bei alledem auch das Glück, kongeniale Begleiter zu finden – den großen Gerald Moore an erster Stelle. Mit seinem unbeugsamen Kunstwillen eröffnete er nach dem Zweiten Weltkrieg dem damals fast bis zur Unkenntlichkeit darniederliegenden deutschen Lied eine neue und immer glänzender strahlende Zukunft. Fischer-Dieskau fühlte sich dazu gleichsam „beauftragt“.

          Botschafter seiner Nation

          Den unendlichen Kosmos des deutschen romantischen Klavierliedes, das Schaffen von Schubert, Schumann, Brahms und Hugo Wolf, öffnete er nicht nur für das deutsche Publikum, er reiste mit seinen anspruchsvollen Programmen auch in die Welt, nach England und Frankreich immer wieder, auch nach Holland, in die Schweiz und Italien.

          Wer sich noch an die oft reservierten Haltungen dieser Länder gegenüber dem „feindlichen“ Deutschland erinnern kann, muss Künstlern wie Fischer-Dieskau bewundernden Respekt zollen: Diese Künstler waren Botschafter des neuen demokratischen Deutschland, die mit ihrem Auftreten bekundeten, dass es immer auch ein anderes, besseres Deutschland gegeben hat, dessen Kultur stets auch der Welt gehörte.

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