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Badisches Staatstheater : Wie choreographiert man den Brand eines Theaters?

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„Zukunft braucht Herkunft“ ist am Badischen Staatstheater nicht etwa ein Manifest für gesellschaftliche Integration – sondern eine historische Auseinandersetzung mit dem Staatstheater selbst – nur eben in der Sprache des Tanzes. Bild: Jochen Klenk

Das also kann Ballett auch: Vergangenheit beschreiben, um die Zukunft zu meistern. Thiago Bordin zeigt sein Ballettmanifest „Zukunft braucht Herkunft“.

          Der Titel von Thiago Bordins Abend für das Badische Staatsballett Karlsruhe klingt schrecklich sperrig und mehr nach einem Manifest als einem Ballett: „Zukunft braucht Herkunft“. Als Untertitel hat Bordin ein Zitat von André Malraux gewählt: „Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern.“ Bordins Aufgabe in seinem Ballett mit dem Manifest-Titel war es, mit kleinen battierten und großen fliegenden Sprüngen die dreihundertjährige Theatergeschichte Karlsruhes zu durcheilen, in einem bewegten Festakt. Das ist ihm hinreißend gelungen. Man könnte den Abend eine Rehabilitierung des pièce d’occasion nennen und ihn als Anregung begreifen, nicht bei jedem feierlichen Anlass eine Gala zusammenzukaufen, sondern doch öfter einen Choreographen um ein Auftragswerk zu bitten.

          Bordin, der eine kluge musikalische Collage von Bach bis zu Nils Frahm verwendet, beginnt sehr verspielt mit einem barocken Herrscher, dem Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach, dessen disharmonische Ehe durch heitere tänzerische Verfolgungsjagden mit großen Tassen voller Chocolade dargestellt wird und andere, entgegenkommendere weibliche Entouragen mit sich bringt. Auch die Romantik mit verschiedenen Pas de Quatre ist voller leichter kleiner gespielter Scherze zwischen den Tänzerinnen, die einander für Bruchteile von Sekunden nur in den Weg springen, die Sicht versperren, die Laune verderben, die Schau stehlen und manches mehr. Zhi LeXu tritt als missgestimmter romantischer Langweiler in eine Szenerie, in der die Luft vor Ehrgeiz flirrt.

          Zeitgenössisch und klug

          Einige wirklich schöne klassische Pas de deux später und nach einer Pause, in der die zuvor komplett unter Wasser gesetzte Bühne getrocknet werden muss, springt das Ballett ins zwanzigste Jahrhundert, und es wird ernst bis in die zeitgenössischen Passagen am Ende hinein. Das sind die uns näheren, abstrakteren Formen des Tanzes, das sind coolere Umgangsweisen, eine andere, schwieriger erarbeitete Souveränität gibt es hier zu beobachten, nichts Auftrumpfendes mehr.

          Neben der Choreographie, die die Schönheiten der Ballets Russes streift, an Balanchines frühe angelernt amerikanische Kühnheit erinnert und dann die Karlsruher Trümmerfrauen den Ort aufräumen lässt, an dem das heutige Staatstheater steht, hat das Bühnenbild von Numen und Ivana Jonke entscheidenden Anteil am Gelingen dieses Abends, daran, dass er zeitgenössisch und klug wirkt.

          Ihre großen, schwebenden, durchsichtigen Folien, ihre Leinen, Luftballons und Laserlichtstrahlen erzeugen Räume, imaginieren Brände, Kriege, Trümmer, zeichnen Perspektiven und Volumina und Katastrophen so leicht wie in einem Comic und auch so klar verständlich. Wie soll Bordin den Brand eines Theaters choreographieren? Hier wird die zum Raum gewordene Folie beregnet, und da sie wasserlöslich ist, zerstört die Sprinkleranlage das Theater auf dem Theater, und seine Überbleibsel werden in den Orchestergraben gefahren wie in eine Schuttgrube.

          So wird Theater gemacht: Mit einer großen Idee davon, woher wir kommen, mit einer These, warum wir so sind, wie wir sind, und einer Erzählung, die ausmalt, wie wir werden könnten, und mit vollkommen durchdachten, imaginativen Mitteln, um all das in Bilder zu kleiden. Das also kann Ballett auch.

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