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Händel in Kopenhagen : Dieser Spaß ist endlich

  • -Aktualisiert am

Die Enttäuschung (Sonia Prina, links) tröstet die Schönheit ( Mary Bevan) über deren Verfall in der Zeit hinweg. Bild: Det Kongelige Teater København

In Kopenhagen erfährt man durch Georg Friedrich Händels Oratorium „Triumph der Zeit und der Enttäuschung“, was Liebe heißt: Endlichkeit akzeptieren und Unverwechselbarkeit suchen.

          Man hört es sofort, hört es, weil Concerto Copenhagen hier mit Glanz und Entschiedenheit musiziert, hört es, weil mit Lars Ulrik Mortensen ein klarer Kopf im Graben des alten königlichen Opernhauses in Kopenhagen dirigiert, einer, der genau weiß, wo er hinwill und was zu sagen nötig ist; hört, dass diese Euphorie krank ist, einfach nur krank. Diese stechende Brillanz der Violinen und Oboen, das rastlose Rascheln des Continuos mit Celli und Cembalo: Man sieht das nervöse Zucken des Mundes in einem Gesicht, das nur lächeln will, immer nur lächeln; die roten Flecken auf der Haut, die sich selbst zu Markte trägt und Bewunderung genauso begehrt wie Berührung; die irre Überdrehtheit eines Plapperns, das immer nach vorn prescht, weil es Angst hat, von andern verdrängt zu werden. Dabei ist auf der Szene noch kein Vorgang, kein Bild zu sehen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Allein die Musik spricht in dieser Ouvertüre zu Georg Friedrich Händels erstem Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno“ das Vorwort. Es ist ein Vorwort, das bereits die wichtigsten Thesen enthält, mit aller Schärfe die Nichtsnutzigkeit einer atemlosen Vergnügungssucht beschreibt und in der Mitte das jähe Erschrecken über die Endlichkeit unseres Lebens. Am Ende, durch Erkenntnis geläutert, führt es in einen Zustand der Freude, die Unverfügbares akzeptiert, statt davor wegzulaufen. Es ist erstaunlich, was Musik kann, wenn sie mit so viel Einsicht gemacht wird.

          Concerto Copenhagen gehört längst zu Europas Spitzenensembles für Barockmusik, ist auf dem Plattenmarkt – zuletzt beim Label cpo mit der h-Moll-Messe und den sechs Brandenburgischen Konzerten von Johann Sebastian Bach – genauso präsent wie auf den Opernbühnen von Kopenhagen, Innsbruck und London. Dieses szenisch aufgeführte Händel-Oratorium ist seit 1996 bereits dessen siebenundzwanzigste Opernproduktion, drei weitere sind in Planung.

          Händel schrieb sein Oratorium 1707 in Rom nach einem Libretto des Kardinals Benedetto Pamphili. Weil die Uraufführung mit dem Orchester von Arcangelo Corelli stattfand und dieser Meistergeiger selbst spielte, hat Händel ihn mit spektakulären Soli beschenkt, um sich selbst – als Orgelvirtuose – wenig später mit einem Konzertsatz für Orgel und Orchester ins beste Licht zu setzen – bei der Introduktion zur großen Arie des Vergnügens.

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          Das Vergnügen tritt hier nämlich in Person auf, zusammen mit anderen fleischgewordenen Allegorien: der Schönheit, der Zeit und der Enttäuschung, wie man „disinganno“ wohl übersetzen muss, auch wenn es hier in Dänemark „visdommen“, also „Weisheit“ heißt. Mehr Figuren gibt es in diesem Oratorium nicht, auch keinen Chor. Kann man mit nur vier Personen ein Drama machen? Der Regisseur Ted Huffman kann das. Hier in Kopenhagen entsteht ein allegorisches Theater, das barockes Denken ganz selbstverständlich in die Gegenwart überträgt. Die Schönheit ist eine junge Frau von heute im blauen Kaschmirpulli (Kostüme: Doey Lüthi), die sich von ihrer hedonistischen Freundin – dem Vergnügen – überreden lässt, keinen Sinnenkitzel auszulassen: Alkohol, Partys, Männer. Erbarmungslos aber reden die Zeit und die Enttäuschung der Schönheit ins Gewissen.

          Schon im ersten Duett nehmen die Sopranistin Mary Bevan (Schönheit) und die Mezzosopranistin Caitlin Hulcup (Vergnügen) mit vokaler wie spielerischer Brillanz den Ton des Orchesters auf: Sie überkugeln sich in ihren Koloraturen, in denen die besinnungslose Sucht nach dem nächsten Kick klanglich Gestalt gewinnt. Mit peitschender Rhetorik schüchtert dann der Tenor Joshua Ellicott als Zeit die Schönheit ein, durchwandert – von Händel eindringlich komponiert – ein abenteuerliches Labyrinth der Akkorde, mit dem er auch harmonisch der Schönheit den Boden unter den Füßen entzieht, und konfrontiert die junge Frau mit einer Leiche auf ihrem Sofa der Lüste. Die Schönheit wehrt sich heftig, mit Koloraturen der Atemlosigkeit, gegen die Zeit, die ihr dermaßen zusetzt. Es ist Sonia Prina, diese schon bei Lebzeiten legendäre Altistin, die als Enttäuschung Trost bringt mit einer balsamischen Arie, in der zwei Blockflöten von samtenen Mittelstimmen getragen werden. Und hier strahlt Händels eigentliche Leistung auf: Er hat die italienische Oper von einem Theater der Sensationen in eines der Rührung und der erschütternden Schlichtheit verwandelt. Zum ersten Mal gibt es Szenenapplaus: für eine phantastische Sängerin wie für eine überragende Musik.

          „Wovon soll die Freude im Leben kommen, wenn das Vergnügen fehlt?“, fragt die Schönheit. Und diese Frage ist ernst. Nicht umsonst lässt Händel das Vergnügen kapitulieren mit einer Arie, die er selbst so schön fand, dass er sie in seiner Oper „Rinaldo“ ein zweites Mal verwendete: „Lascia la spina“. Für die Süße, die Wehmut, die Fülle des Timbres, die schmerzhaft-schönen Ornamente beim Dacapo gibt es ein zweites Mal Szenenapplaus, dieses Mal für Caitlin Hulcup.

          Für die Wandlung der Schönheit hat Huffman einfache Bilder gefunden. Ein unendliches Sofa schiebt sich fast zwei Stunden lang von rechts nach links über die Bühne. Im letzten Bild wird daraus ein endlicher Dreisitzer. Fast zwei Stunden lang hatte sich die Schönheit vergnügt und gepaart – in einer Begattungschoreographie von Jannik Elkær, die sehr geschmackvoll die Posen klassizistischer Skulpturen zitiert – mit den Tänzern Giorgia Reitani, Alexia Nicolaou, Jesper Hermansen und Jeppe Kaas Vad. Sie alle trugen Strumpfmasken, so dass man ihr Gesicht nicht sehen konnte. Am Ende sitzt die Schönheit mit der Zeit auf dem Sofa als Paar von Frau und Mann. Aus unendlichem Spaß ist Akzeptanz der Endlichkeit geworden, aus der Befriedigung mit Puppen ohne Gesicht die Liebe zu einem unaustauschbaren Menschen. Mortensen macht mit Concerto Copenhagen eine Musik dazu, die allen Glanz für Innigkeit hergibt und nach der Raserei endlich Ruhe findet.

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