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Diener Bachs im Interview : Ein paar Zigarillos vor der Kaffeekantate

  • -Aktualisiert am

Mehr als Kollegen: Ton Koopman (links) und Klaus Mertens machen seit 40 Jahren zusammen Musik. Bild: © Bachfest Leipzig / Gert Mothes

Ton Koopman und Klaus Mertens erzählen im Doppelinterview von langen Hälsen bei Sängern, hundert Arten zu beten und ihrer vierzigjährigen Zusammenarbeit.

          Im Mai machte die Leipziger Stiftung Bach-Archiv öffentlich, dass der Dirigent, Cembalist und Musikwissenschaftler Ton Koopman ihr neuer Präsident wird. Zum Bachfest kurz danach wurde dann dem Bassbariton Klaus Mertens die Bach-Medaille der Stadt verliehen – im Rahmen eines Konzertes, bei dem Koopman die Laudatio hielt und den Geehrten außerdem an Orgel und Cembalo begleitete. Koopman und Mertens arbeiten seit vierzig Jahren künstlerisch zusammen. Wir trafen beide Künstler in Lüneburg im Umfeld eines ihrer Konzerte beim Schleswig-Holstein Musik Festival, das sich dieses Jahr ebenfalls einen Bach-Schwerpunkt gegeben hat.

          Wie hat das damals, vor vier Jahrzehnten, eigentlich begonnen?

          Klaus Mertens: 1976 erhielt ich mein Gesangsdiplom. Kurze Zeit später drang Wundersames aus Amsterdam über die Grenze: Da gäbe es einen, der mit Bach unerhörte Dinge anstellen würde. Diesem Ton Koopman – revoluzzerhafter Che-Guevara-Look, mit hoher Intensität Zigarillos rauchend – habe ich also, als er in der Nähe mal Kammermusik machte, vorgesungen, und es funktionierte: Er lud mich ein, die erste gemeinsame Aktion war eine „Kaffeekantate“ bei einem Familienkonzert in Utrecht, und dann dauerte es gar nicht mehr so lange bis zu den Passionen und der h-Moll-Messe.

          Wovon es seit Mitte der neunziger Jahre auch Aufnahmen gibt, mit Ihnen in den Basspartien. Parallel startete damals die Gesamteinspielung der Bach-Kantaten, 67 CDs in elf Jahren bis 2004 und das erste derartige Projekt, das auch die weltlichen Kantaten mit einbezog. Wenn die Statistik stimmt, Herr Koopman, haben Sie da über die Jahre hin mit 21 Solosängern gearbeitet. Zwanzig davon verteilen sich auf die Sopran-, Alt- und Tenorpartien, nur der Bass ist stets derselbe: Klaus Mertens. Das sieht nach Vorsatz aus.

          Ton Koopman: Ich würde lieber sagen: das sieht nach zwei Musikerkollegen aus, die schon bald gewusst haben, was sie voneinander haben, die sich bestens kennen, nicht groß miteinander diskutieren müssen und in diesem Sinne auch sehr ökonomisch zusammenarbeiten können. Wir sind auch immer bestrebt, bei unseren Produktionen – nach Bach kam ja noch die Buxtehude-Gesamteinspielung, wo Klaus auf den siebzehn Vokal-CDs ebenfalls sämtliche Partien singt, die in sein Stimmfach fallen – möglichst lange Takes am Stück zu produzieren, um Authentizität und Spannung zu wahren, und für uns beide funktioniert das regelmäßig sehr gut.

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          Ist es nicht vielleicht doch Grundsätzlicheres gewesen, wenn Sie zu irgendeinem Zeitpunkt gesagt haben: Der ist es und möglichst kein anderer?

          Koopman: Ich will mich da gar nicht bei den reinen Stimmqualitäten aufhalten, die natürlich hervorragend sind. Was mich aber immer wieder besonders beeindruckt, sind seine rhetorischen Fähigkeiten. Da gibt es in den Kantatentexten hundertfach Leitworte wie zum Beispiel „Jesus“ oder „Gott“ – und Klaus vermag es, diesen Anrufungen oder Betrachtungen immer andere Ausdruckswerte und Färbungen zu verleihen. Da haben wir den gütigen, zornigen oder nachdenklichen Gott, den leidenden, triumphierenden oder liebevollen Jesus: eine ganze Welt von Charakterisierungen und Zusammenhängen, die er mit seinen artikulatorischen und klangfarblichen Mitteln lebendig macht.

          Wenn Sie, Herr Koopman, eine Bach-Kantate einstudieren, brauchen Sie Orchester, Chor und Solisten. Und dann fixieren Sie sich über Jahre auf den immer gleichen Bass, was ja die Spielräume nochmals einengt.

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