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„Die Zuschauer“ in Dresden : Was geht in den Zuschauern vor?

  • -Aktualisiert am

Martin Heckmanns hat für das Staatsschauspiel Dresden ein Stück über die Wirkung des Theaters geschrieben. In Roger Vontobels Inszenierung von „Die Zuschauer“ übernimmt der Theatersaal die Hauptrolle.

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          Kann uns ein Theaterabend verändern? Was passiert, wenn wir im Theater sitzen? Was geht vor zwischen Bühne und Parkett? Das sind die Fragen, die Martin Heckmanns in seinem neuen Stück verhandelt, das jetzt am Dresdner Staatsschauspiel uraufgeführt wurde. Die Schauspieler spielen darin Zuschauer, die gerade das Theater verlassen haben. Nun sprechen sie in schnell wechselnden, kurzen Szenen über ihre Eindrücke und Gefühle, wobei rasch deutlich wird, wie vielfältig die Eindrücke, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind. Es wird dabei weder eindeutig klar, um welches Stück es sich handelt, noch, ob sie überhaupt alle das selbe gesehen haben.

          Heckmanns kommt in „Die Zuschauer“ immer wieder auf den Vorgang der Katharsis zurück. Seine Figuren verlassen das Theater mit dem Gefühl, noch Zeit zu haben: um besser zu leben und klüger zu entscheiden als die Personen auf der Bühne. Sie fühlen sich nach dem Theaterbesuch verändert, jedoch misslingen ihnen die Versuche, dies in ihren Alltag zu übersetzen.

          Anna-Katharina Muck hält eine Wutrede.
          Anna-Katharina Muck hält eine Wutrede. : Bild: David Baltzer

          Einer kündigt, beeindruckt von der dargebotenen Suche nach Aufrichtigkeit, seine Stelle bei einem Boulevardmagazin, woraufhin seine Frau ihn verlässt. Ein Ehepaar will großmütig sein, lädt einen Obdachlosen ein, weil „die da oben auf der Bühne“ das gesagt haben, und wird zum Dank vom Gast ausgeraubt. Einem jungen Paar, das beim ersten Rendez-vous ins Theater geht, gelingt es nicht, die kompromisslose Liebe zu empfinden, die sie auf der Bühne gesehen und bewundert haben. Der Dramatiker wundert sich: „Dass sich Menschen in einem dunklen Raum einsperren lassen, um zu schweigen und anderen dabei zuzuschauen, wie sie scheitern und sterben“, so lautet der Text einer kurze Szene mit dem Titel „Staunen“.

          Reizvoller Perspektivwechsel

          Unter der Regie von Roger Vontobel steht allerdings nicht die Wirkung des Theaters an sich im Mittelpunkt, sondern es geht vor allem um das Dresdner Schauspielhaus, dessen Hausautor Heckmanns war. Vontobel vollzieht einen reizvollen Perspektivwechsel: Das Publikum nimmt nicht in den Sesseln, sondern auf der Bühne Platz. Die Zuschauerfiguren erobern die Sitzreihen, steigen von Armlehne zu Armlehne, tauchen auf den Rängen, oben bei den Scheinwerfen, am vorderen Rand der Bühne und hinter dem Publikum auf. Fünfundzwanzig Rollen spielen sie zu siebt.

          Anna-Katharina Muck bekommt als Zuschauerin, die sich bei allem Verständnis über die Zumutung eines siebenstündigen Stücks echauffiert, spontanen Szenenapplaus. In der Mitte des ersten Rangs steht die Band „Woods of Birnam“, die aus Schauspieler Christian Friedel und vier Musikern der Dresdner Gruppe „Polarkreis 18“ besteht. Ihre Interpretationen von Shakespeare-Texten, etwa dem Lied „Under the Greenwood Tree“ aus „Wie es euch gefällt“, sind bezaubernd, aber Schauspiel und Musik unterbrechen sich gegenseitig, statt sich zu unterstützen und zu ergänzen.

          Das Theater als Wundertüte

          Zu Beginn des Stücks ist es dunkel im Saal, die Schauspieler beleuchten ihre Wege mit Taschenlampen, spielen damit, ihre Schatten an die Wände zu werfen. Der Kronleuchter wird herabgesenkt, in Trockennebel gehüllt und angeleuchtet. An die hinteren Wände des Zuschauerraums werden Zeitraffervideos projiziert. Hin und wieder laufen Schauspieler in recht beliebig aus dem Fundus gezogenen Kostümen und Requisiten anlasslos durch den Raum: ein Eisbär, ein riesiger Mickymaus-Kopf, Engelsflügel. Die Inszenierung bemüht sich nach Kräften zu zeigen, dass das Theater sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Das ist aber zu wenig, um die Fragen, die Martin Heckmanns stellt, zu beantworten oder das Publikum überhaupt erst zum Nachdenken darüber zu bringen. In Dresden wird das Theater allenfalls als eine Wundertüte dargestellt, die überraschen und emotional berühren kann. Das ist unterhaltsam, mehr aber auch nicht.

          Dass Martin Heckmanns‘ Stück ungekürzt im Programmheft abgedruckt ist, wirkt fast wie eine Entschuldigung. Denn gerade die Szenen, die unbequem und weniger unterhaltsam sind, wurden vom Regisseur gestrichen. Der getrennt lebende Vater, der mit seinem Sohn ins Theater geht, darf danach ausnahmsweise bei ihm und der Exfrau übernachten. Aber die brutale Szene, in der der neue Partner der Exfrau ihn mitten in der Nacht aus dem Haus wirft, fehlt. Ebenso wie der Zuschauer, der den Kulturinstitutionen vorwirft, das Publikum abzulenken, damit es nicht über unangenehme Tatsachen, in diesem Fall den NSA-Skandal, nachdenkt.

          Spätestens da wird klar, dass die Inszenierung es sich zu leicht macht mit den „Zuschauern“. Die komischeren Dialogszenen sind geblieben, aber mit denen verhält es sich wie mit dem Konfettiregen, der am Ende über dem Publikum niedergeht: Man lacht darüber, mancher schüttelt es verärgert aus den Haaren, aber viel von dem bunten Feuerwerk bleibt nicht hängen.

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