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Milo Raus „Wiederholung“ : Ganz ohne Illusionsmaschine geht es nicht

Die ikonographische Szene ekelhafter Demütigung bleibt einem im Kopf, martert die Gedanken. Hätte man eingreifen sollen? Bild: Hubert Amiel

Wie wirklich kann Theater sein? „Die Wiederholung“ von Milo Rau feiert an der Berliner Schaubühne ihre deutsche Erstaufführung.

          Milo Rau macht Theater gegen seinen Willen. Führt seine dokudramatischen Erzählstücke „contrecoeur“ auf. Denn obwohl er Menschen auf einer gut ausgeleuchteten Bühne vor gesittet sitzendem Publikum auftreten lässt, obwohl er dampfende Nebelschwaden, gefühlsinitiierende Hintergrundmusik und pünktlich bereitgestellte Requisiten einsetzt, um eine Geschichte zu erzählen, soll nicht wie Theater aussehen, was er audioverstärkt, videoanimiert und global querfinanziert inszeniert. Deshalb lässt er seine sorgfältig ausgewählten Darsteller zu Beginn über sich selbst und über den Hergang ihres Castings sprechen. Den Text dazu haben sie auswendig gelernt, denn hinter ihnen flimmert die deutsche und englische Übersetzung ihrer Rede über die Leinwand und fordert einen korrekten Wortlaut.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Gabelstapelfahrer berichtet, dass er wegen seines markanten Gesichts ausgewählt worden sei und lässt dabei an den richtigen Stellen kleine Pausen für die Lacher aus dem Publikum. Eine Hundesitterin zeigt, wie sie auf allen vieren laufen kann. Und ein junger Mann mit nordafrikanischen Wurzeln erzählt, dass er die Rolle bekommen habe, weil vom Produktionsteam ein junger Mann mit nordafrikanischen Wurzeln gesucht worden sei. Was die Sache, wenn sie als fragwürdig vorgeführt werden soll, natürlich nicht besser macht, denn ein junger Mann mit nordafrikanischen Wurzeln, der über die fragwürdigen Hintergründe seines Castings spricht, bleibt doch ein Darsteller, der für seine Rolle allein deswegen ausgesucht worden ist, weil er ein junger Mann mit nordafrikanischen Wurzeln ist. Manche Probleme lassen sich auch dann nicht lösen, wenn man entschieden und offen über sie spricht.

          Eine Realitätsoffensive der anderen Art

          So wie ein alter Schauspieler, der angestrengt zeigt, dass er spielt, eben doch immer ein angestrengt spielender Schauspieler bleibt. Da kann er die Betonung noch so sehr übertreiben, um dem Publikum zu zeigen, dass es nicht um Wahrheit und Wirklichkeit geht, wenn er den Geist von Hamlets Vater spielt – wenn er später als Vater eines sinnlos ermordeten Sohnes den Hergang der Tatnacht in die Kamera spricht, dann ist das eben auch Rolle und nicht Realität.

          Aber damit will Milo Rau sich eben nicht abfinden. Illusion, Traummaschine, Verfremdung sind ihm ein Graus, gehören für seine Theater-Begriffe abgeschafft. Sein Ziel ist Wiederholung von Wirklichkeit, das Publikum soll mit Realität angegriffen werden. Deshalb holt in einem entscheidenden Augenblick des Abends ein Darsteller seinen Penis aus der Hose und pinkelt zehn quälend lange Sekunden auf den nackten Hintern eines vor ihm liegenden Darstellers. Was vorher mit gehörigem populärtheoretischen Aufwand versucht worden war, die verbale Dekonstruktion der Illusion, wird mit einem einzigen brachial-realen Akt in die Tat umgesetzt. Die ikonographische Szene ekelhafter Demütigung bleibt einem im Kopf, martert die Gedanken. Hätte man eingreifen sollen? Dazwischengehen? Auch auf die Gefahr hin, die hier eifrig totgesagte und doch existierende vierte Wand wirklich zu durchbrechen? Eigentlich ist diese Frage alles, was von dem neuen Rau-Abend bleibt. Das ist durchaus mehr als genug.

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