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Die Welt der „Etudes Australes“ : Cage spielen

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Die Vogelperspektive passt nicht zu ihm: John Cage, aufgenommen im April 1992 auf einer Münchner Straße. Bild: Brigitte Friedrich

John Cage hat in seiner Musik den Zufall hörbar gemacht und damit die Kunstphilosophie der Moderne erschüttert. Wie aber spielt man Musik, die von Sternenkarten vorgezeichnet wurde?

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          John Cage hat einige bemerkenswerte Einsichten zur Musik geäußert. Diese werden von der Öffentlichkeit oft stärker wahrgenommen als seine Musik. Das ist schade. Cage auf seine Aphorismen und Anekdoten zu reduzieren ist eine Verharmlosung. Das irritierende, aber auch befreiende Erlebnis findet bei Cage nur im direkten Kontakt des Hörers mit dem Klang statt - wie bei jeder guten Musik.

          Cage war durch und durch Praktiker. Bekanntlich beschloss er um 1950, also in der Mitte seines Schaffens, die Funktion des Komponisten radikal zu verändern. Er wollte in seinen Werken nicht mehr persönliche Absichten verwirklichen, sondern sah seine Rolle darin, Fragen zu stellen. Fragen, die er vom Zufall beantworten ließ - unter Verwendung verschiedener Techniken, vom Münzenwerfen bis zum computergesteuerten Zufallsgenerator. Gerade die Verwendung des Zufalls macht die praktische Realisierbarkeit so wichtig. Denn wer eine künstlerische Botschaft verbreiten will, könnte auch eine utopische Partitur schreiben, in der Hoffnung, dass selbst eine rudimentäre Wiedergabe den Kern seines Anliegens freilege. Wer aber, wie Cage, will, dass die Töne keine Funktion erfüllen, sondern bei sich selbst bleiben, muss sich des realen Klangs annehmen.

          Zwei Systeme für je eine Hand

          Cages Partituren, egal ob Konzepte oder ausgearbeitete Notentexte, sind Handlungsanweisungen an den Spieler. Das Fehlen einer Intention ist keineswegs eine Absage an das künstlerische Denken und Handeln. Gerade die Anweisungen seiner Konzeptstücke, oft nur wenige Sätze, sind von einer Eleganz, wie man sie sonst nur bei mathematischen Lehrsätzen antrifft. Die so entstehenden Klänge - man findet sie in dieser Art sonst nirgendwo in der komponierten Musik - haben alle ihr Gesicht und ihre Schönheit. Als Komponist verhält sich Cage ähnlich wie ein Landschaftsfotograf - auch dieser erschafft sich seine Sujets nicht selbst. Für den Musiker, der Cage spielt, gilt: Auf keinen Fall sollte er die weiten, leeren Räume, die der Komponist uns in seinen Werken hinterlässt, mit Eigenproduktion ausfüllen. Er soll diese Räume hören, und er soll sie so darstellen, wie sie sind. Gerade dies erfordert Musikalität.

          Mit den „Etudes Australes“, einem ausgedehnten Klavierzyklus, beschäftige ich mich als Pianist seit über zehn Jahren. Cage hat diese Etüden in den Jahren 1974/75 mit Hilfe von Sternkarten geschrieben und das Ergebnis mehr oder weniger konventionell notiert. Kurz angeschlagene Akkorde und Einzeltöne treffen auf lang ausgehaltene Noten sowie auf Resonanzklänge. Diese entstehen dadurch, dass pro Etüde mindestens eine Taste mit Hilfe eines Gummikeils heruntergedrückt wird, so dass die betreffende Saite während des ganzen Stücks mitschwingt. Üblicherweise sind Klavierstücke in zwei Systemen notiert, eines für jede Hand. Die „Etudes Australes“ jedoch benötigen vier Systeme: Statt dass die linke Hand die tiefen Töne (im Bassschlüssel) und die rechte die hohen Töne (im Violinschlüssel) greift, müssen sich hier beide Hände auf der gesamten Klaviatur bewegen - deshalb benötigt jede Hand zwei Systeme. Obwohl dies bisweilen zu grotesken Verrenkungen der gekreuzten Hände führt, fordert Cage die Spieler ausdrücklich dazu auf, diese Verteilung der Noten auf die Hände nicht zu verändern.

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