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Die Welt der „Etudes Australes“ : Cage spielen

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Cage erlaubt dem Spieler, das Tempo zu wechseln, „to change gear“ - die Lizenz zum Gangwechsel allerdings darf nicht zu häufig in Anspruch genommen werden, sonst werden die Zeitwerte eingeebnet. Zu langsame Tempi wiederum bergen die Gefahr, dass der Klavierklang vollständig erlischt. Geschieht dies zu oft, gefährdet es Cages Idee von einem „tonalen Summen“ der Resonanzen (Cage meint hier mit dem Wort Tonalität nicht ein System, sondern alle Obertonbeziehungen schlechthin). Meines Erachtens sollte dieses Summen während des ganzen Stücks auf irgendeine Weise präsent sein. Das Tempo muss also so gewählt werden, dass die Etüden spielbar sind. Die Musik mag den Spieler zeitweise an die Grenzen seiner Möglichkeiten bringen, diese Grenzen sollten aber nicht dauerhaft überschritten werden.

Die „Etudes Australes“ sind realisierbar - und utopisch. Eine hierarchiefreie Musik ist mit unserem Bewusstsein nicht kompatibel, denn dieses funktioniert hierarchisch und nimmt ständig auf frühere Erfahrungen Bezug. Konkret: Kein Musiker kann die beiden dicht bedruckten A3-Seiten einer einzelnen Etüde wiedergeben, ohne in irgendeiner Form Unterteilungen und Gruppen von Klängen zu bilden - etwas, das dieser Musik grundsätzlich widerspricht. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen, nur mildern. Wenn der Ausführende nicht anders kann, als die Komposition in Teile zu zerlegen, dann sollte er dabei wenigstens so diskret vorgehen, dass der Hörer dies wiederum auf seine eigene Weise tun kann. Denn der Hörer, der eigentliche Akteur bei Cages Musik, steht vor demselben Problem. Hierarchien verschwinden nicht über Nacht.

Erst der Aufwand, dann die Belohnung

Der obligate Lacher im Publikum beim Quartsext-Akkord in G-Dur ist ja nicht Ausdruck eines falschen Bewusstseins. Dass man alle im Gehirn abgespeicherten Systeme Revue passieren lässt, ist vielmehr Teil des Hörprozesses. Anlass dazu gibt es bei den „Etudes Australes“ genug. Doch ebenso wichtig ist der Moment, in dem sich alle diese harmonischen, melodischen und rhythmischen Systeme wieder auflösen. Das ist bei zufallsgenerierter Musik unweigerlich der Fall. Das Ohr versucht noch eine Weile, die Klänge einzuordnen - dann gibt es auf und lässt los. Damit beginnt die Befreiung des Gehörs.

Spricht ein Musiker über seine Erfahrung mit arbeitsintensiven Kompositionen, und die „Etudes Australes“ gehören dazu, geht es in der Regel um das Verhältnis seines Aufwands zur künstlerischen Belohnung, ohne Fleiß kein Preis. Als Musiker strebt man den Punkt an, wo alle Fäden der Komposition zusammenlaufen - ein Ort, von dem aus man das ganze Kunstwerk überblickt. Zur hierarchiefreien Musik von John Cage passt diese Vogelperspektive nicht recht. Ich würde eine gelungene Aufführung so beschreiben: Hörer, Komponist und Musiker begegnen einander auf einer Ebene.

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