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Die Welt der „Etudes Australes“ : Cage spielen

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Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung

Die Gefahr, dass unsere Nachlässigkeit den Notentext ins Konventionelle verfälscht, ist bei keinem Parameter so groß wie beim Rhythmus. Dies merkt nicht nur der Musiklehrer, sondern gelegentlich auch der Konzertbesucher. Die „Etudes Australes“ sind in „spacenotation“ geschrieben, das heißt, der Zeitverlauf wird visuell dargestellt. Der Rhythmus verläuft proportional zur Links-rechts-Achse im Notenbild. Dies kommt in der Neuen Musik häufig vor. Meist wird der Spieler vom Komponisten angehalten, den Gestus des Notenbilds in einen rhythmischen Gestus zu übertragen, ohne Anspruch auf absolute Genauigkeit. Cage jedoch vergleicht das Notenbild mit einer Landkarte, und er vergisst nicht zu erwähnen, dass man bei den Noten ohne Hals das Zentrum des Notenkopfs und bei jenen mit Hals denselben für die präzise Bestimmung des Zeitpunkts wählen soll, an dem der Ton gespielt wird. Das ist freundlich, aber unmissverständlich formuliert und meint: Liebe Leute, auf ein oder zwei Millimeter kommt es sehr wohl an.

Ausschnitt aus Cages Manuskript der „Etudes Australes“. Der Name geht auf den „Atlas Australis“ zurück, eine Sammlung von Sternenkarten, die der Komposition als Vorlage dienten. Die 32 Etüden sind als Dialoge für zwei voneinander unabhängige Hände konzipiert Bilderstrecke

Denn sobald die Aufführung ungenau wird, verfällt der Spieler in die alten Klischees. Eine Landkarte ist kein Rorschach-Test. Also gibt es nur eine Lösung: Mit Hilfe eines Lineals muss man eine Zeitachse eintragen, dann senkrechte Linien zu den Notenköpfen oder -hälsen ziehen, die Abstände ausmessen und schließlich zu den dabei entstandenen Proportionen eine exakte rhythmische Entsprechung suchen. Ich selbst verzichte beim Spielen auf einen durchlaufenden Puls und suche ganz pragmatische Lösungen. Dabei ist es mir wichtig, dass das, was ich zähle, in einer Beziehung steht zu dem, was man hört. Es ist interessant, die Proportionen der abgemessenen Rhythmen mit dem rein optischen Eindruck zu vergleichen, den man beim Betrachten des Notenbildes hat. Cages Musik zu realisieren bedeutet immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung.

Unvorstellbar frei von Hierarchie

„Weder Tempo noch Dynamik sind angegeben.“ Cage vermeidet in seinen Spielanweisungen Formulierungen wie „freie Wahl“ oder „ad libitum“. Eine bewusste, großangelegte Planung der Lautstärke, wie etwa eine Steigerung durch das ganze Stück, widerspräche zwar nicht dem Buchstaben, aber doch der Idee der Komposition. Dennoch sollte die Lautstärke der angeschlagenen Tasten sorgfältig gewählt werden, so dass sich eine kluge Balance zwischen angeschlagenen, ausgehaltenen und resonierenden Klängen ergibt. So entsteht wiederum eine dynamische Gestalt ohne willkürliche Gestaltung. Auch beim Tempo ist der Spielraum nicht grenzenlos, dies wiederum aus praktischen Gründen: Zu schnelle Tempi sind unrealisierbar.

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