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Die Welt der „Etudes Australes“ : Cage spielen

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Eine eigenartige Verwandtschaft mit Bach

Der Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger äußerte die Ansicht, Cage habe das Konzept der beiden voneinander unabhängigen Hände von Johann Sebastian Bachs „Goldberg-Variationen“ übernommen. Diese sind für ein zweimanualiges Cembalo geschrieben; der Stimmenverlauf sorgt dafür, dass die Hände sich immer wieder über längere Zeit hinweg überkreuzen. Eine Beziehung der 32 „Etudes Australes“ zu den 32 Sätzen der „Goldberg-Variationen“ (das Thema und dessen finale Wiederholung inklusive) ist schon deshalb plausibel, weil die Pianistin Grete Sultan, für die Cage seine Etüden geschrieben hat, eine der wichtigsten Interpretinnen der „Goldberg-Variationen“ war.

Zu behaupten, ein musikalisches Werk sei von Bach inspiriert, kommt in der abendländischen Musikgeschichte fast einer Plattitüde gleich, denn welche Musik wäre das nicht auf die eine oder andere Weise? Doch bei Cage, mit seinem Ruf als Anti-Traditionalist, horchen wir auf. Der Bezug zu Bach ist ein gänzlich praktischer, man könnte auch sagen: ein oberflächlicher. Aber stellt Cages antihierarchischer Ansatz nicht auch die Hierarchie von Oberflächlichkeit und Tiefsinn in Frage? Dass es Heinz-Klaus Metzger war, der mich auf diese eigenartige Verwandtschaft von Cage und Bach aufmerksam gemacht hat, ist kein Zufall, hat Metzger doch zeitlebens über Tradition und Traditionsbruch nachgedacht.

Fehler innerhalb eines Zufallssystems

Weshalb macht Cage seinen Interpreten das Leben schwer? Schwierig sind bei den „Etudes Australes“ nicht nur die Kreuzungen, sondern auch die akrobatischen Sprünge, die mit der einen Hand auszuführen sind, während die andere, die so gut helfen könnte, ruhen muss. Dies alles mindert den Schwung und das Tempo. Wenn es auch unstatthaft ist, einer nichtintentionalen Musik Absichten zu unterstellen, so hat doch diese seltsame Art der Handverteilung einen eindeutigen Effekt. Zwei Gemeinplätze der Interpretation neuer Musik werden so vermieden: einerseits eine Hektik und Geschäftigkeit, die wir gerne als virtuos empfinden; andererseits eine Besinnlichkeit, die wir ebenso gern als meditativ bezeichnen. Wenn man jedoch die Partitur exakt umsetzt, fehlt einem für Erstere das Tempo, denn besonders schnell kann man unter diesen Umständen nicht spielen; und für Letztere fehlt einem die Muße, denn dazu sind die geforderten Aktionen wiederum zu kompliziert. Das Publikum erlebt also einen Menschen, der im Wortsinne arbeitet - wenn auch vielleicht unklar bleibt, was und warum.

Aber ist bei einer Musik, die mit Hilfe des Zufalls komponiert wurde, eine exakte Wiedergabe so wichtig? Sind nicht alle unsere Verspieler und sonstigen Fehlleistungen ebenfalls Zufall? Eben nicht. Wer Musik unterrichtet, merkt bald, dass fast alle Ungenauigkeiten der Schüler einen erkennbaren Grund haben. Meist ist es ein falsches Pattern, ein musikalisches Denkmuster, das Fehler produziert. Wenn zum Beispiel eine Sequenz zu Ende geht und der Spieler aus dem gewohnten Trott ausbrechen muss, ist die Stolpergefahr besonders hoch. Der Mensch, mag er sich noch so sehr als Nonkonformist fühlen, ist zunächst einmal ein Gewohnheitstier. Dies alles ist das Gegenteil von Zufall. Falsche Noten sind sicherlich kein kapitales Delikt, weder bei Cage noch anderswo, aber es bleiben eben falsche Noten.

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