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„Die Walküre“ an der Met : Im Maschinenraum der Göttergesellschaft

  • -Aktualisiert am

Er singt wie ein Gott, sie übertönt einen Kanonendonner: Bryn Terfel als Wotan, Stephanie Blythe als Fricka Bild: dapd

Die Oper sollte „Wotan“ heißen: Robert Lepage inszeniert „Die Walküre“ an der Met mit einem beeindruckend göttlichen Bryn Terfel. James Levine verstärkt aus dem Orchestergraben ein sensualistisches Ereignis.

          Wie aufregend Wagner doch ist, wenn ein Sänger weiß, was er singt! Und wenn er uns das nicht nur begreifen, sondern spüren lässt. Es geht da um weit mehr als Wortverständlichkeit. Bei Bryn Terfel, dem walisischen Wotan der Met, ist buchstäblich jeder Buchstabe eines jeden Worts klar zu verstehen. Aber das Wunder, das er als menschlich und übermenschlich fehlender Gott vollbringt, besteht darin, wie sich aus seinem singenden Sprechen und sprechenden Singen das gesamte Drama entfaltet. Die Sprache der Musik wird eins mit der Musik seiner Sprache, in einem Nuancenreichtum und einer gesamtkunstwerklichen Breite, die keine Grenzen zu kennen scheint. Hier ein Flüstern, ein kaum vernehmbarer Seelenhauch, den er gleich noch einmal expressiv zurücknimmt. Dort wuchtige Ausbrüche, die sich steigern, bis Wotan in höchster Erregung und letzter Verzweiflung „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie!“ der Welt und dem Kosmos entgegenschleudert, aber dann den Feuerzauber als gebrochener Mann über sich ergehen lassen muss, zusammengekauert an der Rampe.

          Terfels Bassbariton gehört nicht zu den Wotan-Orgeln und -Posaunen, die allein mit vokaler Masse das Orchester in Schach halten und das Publikum an einen Bühnengott glauben lassen. Im pathologisch zugespitzten Wutanfall über Brünnhildes Ungehorsam, in der abgrundtiefen Verachtung gegenüber Hundings Dumpfheit und auch in den weitgespannten Legatobögen des Abschieds findet er gleichwohl zu herrlich kernigen, bronzenen Tönen, die sich nie nur selbst gefallen. Aber die Ausdrucksfülle, die emotionale Transparenz und Intelligenz, die keiner Silbe den musikalischen und dramatischen Sinn verwehrt, sind die des Liedsängers.

          Achtung, Verletzungsgefahr?

          Wie unentbehrlich ein solch subtiler Ansatz auch im Strudel Wagnerscher Orchesterklänge bleibt, ist in der gleichen Vorstellung zu erleben. Fricka, Wotans unnachgiebige Gemahlin, ist mit einem Stimmphänomen besetzt: mit Stephanie Blythe, der glatt zuzutrauen wäre, jeden Kanonendonner zu übertönen. Ein überwältigender Auftritt, keine Frage. Abgesehen davon, dass kein Wort zu verstehen ist, bleiben bei ihr jedoch auch die musikalischen Gedanken verborgen, mag ihr sagenhaft opulenter Prachtmezzosopran noch so verführerisch funkeln.

          Zwischen Terfel und Blythe, den beiden extremen sängerischen Polen eines auch sonst seltsam zerklüfteten Abends, schlägt sich Jonas Kaufmann, ungeachtet seines Status als aktueller Toptenor, auf die Seite des fein abgestuften Liedgesangs. Auch ihn prägen Spürsinn und Leidenschaft des wissenden Sängers, der Siegmunds schnell aufkeimende Schwesterliebe nicht weniger berührend in Töne fasst als sein heldisches Aufbegehren. Wie Terfel ist Kaufmann kein Stimmkraftsportler, auch wenn er die Rufe nach Vater Wälse wirkungssicher mit endlosen Fermaten versieht. Wunderschön strömt sogar da noch sein samtig eingedunkelter Tenor, und dennoch ist ihm der tief liegende Part nicht in die Stimme geschrieben. Achtung, Verletzungsgefahr?

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