https://www.faz.net/-gqz-9u7bo

„Die Verdammten“ in Köln : Unschöne Bescherung

Es ist Nacht, immerzu schwarze Nacht: So viel hat die Kölner Inszenierung von Viscontis Farbkonzept bewahrt. Bild: Birgit Hupfeld

Baby Hitler nimmt den Stahlkonzern geschenkt: Auch am Schauspiel Köln bringt man jetzt „Die Verdammten“ nach Luchino Visconti auf die Bühne.

          2 Min.

          Es zittern die morschen Knochen. Der alte Baron von Essenbeck hat offenbar kein Geld mehr, um die Fenster seiner Villa zu reparieren, also schneit es hinein. Seit Menschengedenken. Vor den Fensterbrettern breitet sich ein weißes Riesengebirge aus, eine Landschaft wie aus den Albträumen von Gedankenexperimentatoren im Kaiser-Wilhelm-Institut für angewandte Ethik: ein Ensemble schiefer Ebenen. Für Kerzen ist auch nichts mehr in der Haushaltskasse. Dabei ist bald Weihnachten. Engelsgeduldig warten die Christbäume im Park auf die Nacht der langen Äxte. Drinnen wird die Ankunft des Erlösers schon zelebriert, sein monumentales Porträt hängt im Salon. Das Antichristkind. Breitbeinig hingepflanzt, nach dem Kindchenschema im Fotostudio, auf dem Foto, das jeder kennt: Baby Hitler.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Was soll das bedeuten? Die Antwort liegt auf der Hand, wenn man den Film „Die Verdammten“ von Luchino Visconti kennt, den Ersan Mondtag im Schauspiel Köln nachgestellt hat. Bei den Theaterregisseuren, die den Fundus der Kinostoffe plündern zu müssen meinen, erfreut sich der fünfzig Jahre alte Film besonderer Beliebtheit. Erst vor einem Jahr gab es eine Nacherzählung von David Bösch am Berliner Ensemble. Bringt man diesen Film auf die Bühne, weil er sehr bekannt ist? Oder weil er gerade nicht so bekannt ist, eher das Gerücht von einem Klassiker?

          In Mondtags Bühnenbild nimmt das Hitlerbild den Ehrenplatz ein, an dem im Film der gemalte Kolossalkopf des Patriarchen aufgehängt wird – nach dessen Ermordung. Der greise Baron betreibt einen Jünglingskult, weil sein einziger Sohn im Weltkrieg gefallen ist und alle Hoffnungen dynastischer Kontinuität auf dessen Sohn ruhen, der sich als in jeder Hinsicht missraten erweist. Eine Marmorbüste wie aus dem George-Kreis steht für diesen eiskalten Idealismus kryokonservativer Fortzeugung durch Selbstliebe.

          Wofür werben die Plakate?

          Nach der Ernennung Hitlers zum Kanzler tauscht der Baron die Konzernführung aus und versichert zugleich, dass er mit ihm nie etwas habe zu schaffen haben wollen. Mondtag enthüllt Hitler als den insgeheim ersehnten Stammhalter der Stahlbarone und zeigt mit der schneeverwehten Ruine, was der Pakt ihnen eingebracht hat.

          So weit, so simpel. Man ist verleitet, auch die übrigen Einfälle des Regisseurs plakativ zu nennen, aber damit würde man eine Sinnfälligkeit unterstellen, die nicht im Ansatz gegeben ist. Plakate kommen aus der Werbung, doch für welche Idee wird geworben, wenn die Herren statt Smoking und SS-Uniform grellbunte, karierte Anzüge tragen oder der alte Essenbeck von einer Schauspielerin (Margot Gödros) gespielt wird?

          Im Original heißt der Film „La caduta degli dei“ wie Wagners „Götterdämmerung“ auf italienischen Opernbühnen. Visconti verführt mit der Verschmelzung von Vulgärmarxismus und Melodrama: Dekadenz ist bei ihm kein Topos, sondern ein Faktum von einer Evidenz, welche die Arbeit des Begriffs erübrigt – zumal der SS-Stratege nach dem Drehbuch Hegels vorzugehen behauptet. Brigitte Jeremias monierte 1970 in der Rezension der F.A.Z., dass „der aristokratische Dekorateur“ Visconti nur „auf farbliche Valeurs und gestisches Szenarium aus“ sei. Kritisiert die verzerrte Kölner Kopie mit ihren abgestandenen Grobianismen vom mikrofonverstärkten Gebrüll bis zum Gummischwanzvergleich den Glauben Viscontis an die pervers selbsterklärende Kraft der Ästhetik? Wirksam könnte solche Kritik nur werden, wenn der Film und die Bühnenparodie nacheinander aufgeführt würden.

          Darf man Baby Hitler töten? Das Gedankenspiel mit der Zeitreise zu diesem Zweck ist als philosophisches Tischgespräch beliebt. Ein konsequentialistischer Einwand lautet, dass der Ersatzmann für Hitler ihn vielleicht noch überboten hätte. In Köln hat der Zuschauer von der Öffnung des Vorhangs an wissen können, dass es so schlimm kommt, wie es kommt. Leise rieselt der Beifall, leise und kurz.

          Weitere Themen

          Splatter-Rap mit Grillenzirpen

          Neues Album von Eminem : Splatter-Rap mit Grillenzirpen

          Eminems neues Album will Konzeptmusik sein, wird aber durch platte Provokation beschädigt. So entsteht skrupelloser Boulevard-Rap, der das Richtige mit falschen Mitteln zu erreichen sucht.

          Topmeldungen

          5:0 gegen Schalke : Die Bayern blasen zur Jagd auf Leipzig

          Die Münchner erteilen Schalke eine Lehrstunde und kommen Spitzenreiter Leipzig, der sein Spiel in Frankfurt verliert, nah. Die Bayern indes siegen imposant – auch weil der Torwart der Königsblauen zwei Mal patzt.
          Demonstranten in Leipzig

          Sechs Polizisten verletzt : Wieder Krawall in Leipzig

          Etwa 1300 Menschen demonstrieren in Leipzig gegen das Verbot einer linksextremen Online-Plattform. Zunächst bleibt der Protest friedlich, dann fliegen Steine. Die Polizei kesselt die Demonstranten ein, sechs Beamte werden verletzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.