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Beethovens „Fidelio“ in Wien : Das doppelte Leonorchen

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Um diese Ehe froh zu leben, braucht es eine bessere Inszenierung: Benjamin Bruns als Florestan und Katrin Röver als Leonore. Bild: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Die Urfassung von Beethovens „Fidelio“ ist erstmals an der Wiener Staatsoper zu sehen – mit neuen Texten von Moritz Rinke, inszeniert von Amélie Niermeyer. Dem Publikum war das zu viel.

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          Die beiden haben sichtliches Vergnügen aneinander. Liebevoll knutschen Leonore und Florestan, knuddeln wie angetörnte Teenies auf dem Bett, das ein spießiges Blümchentapeten-Zimmer dominiert. Beschwingt geht Florestan durch eine Seitentür – und kehrt nicht zurück. Beunruhigt sucht Leonore nach ihrem Mann und findet nur noch ein blutiges Hemd. Ist Florestan entführt oder gar ermordet worden?

          Was die Regisseurin Amélie Niermeyer bei ihrem Debüt an der Wiener Staatsoper zur Musik der zweiten „Leonoren“-Ouvertüre in Ludwig van Beethovens erster Fassung der Oper „Fidelio“ erzählt, findet rasch eine Erklärung. Getarnt mit Männerkleidern, versucht Leonore verzweifelt, in den Keller eines Staatsgebäudes zu gelangen, um Florestan zu finden, der offenbar hinterrücks inhaftiert wurde. An ein Gefängnis erinnert Alexander Müller-Elmaus Einheitsbühnenbild allerdings nicht, eher sieht es aus wie eine abgetakelte Bahnhofshalle der fünfziger Jahre. Rastloses Treiben ist darin zu sehen: Sicherheitspersonal riegelt Teile der Halle ab; Menschen drängeln sich an einem Schalter; Obdachlose umringen den kleinen Buffetwagen, den Marzelline durch die Halle schiebt, um die Hungrigen zu verköstigen. Das alles wirkt zwar rätselhaft, doch im Vergleich zur klaustrophobischen Enge eines Gefängnisses reichlich harmlos.

          Auch Niermeyers zweite grundlegende Regie-Idee überzeugt nicht. Um Beethovens Oper an unsere Gegenwart heranzurücken, wurden die originalen Dialoge Joseph von Sonnleithners durch Texte des Dramatikers Moritz Rinke ersetzt. Niermeyers Vorgabe, darin zwei Leonoren sprechen zu lassen und die Sängerin durch eine Schauspielerin (Katrin Röver) auch szenisch zu verdoppeln, erweist sich als Hypothek. Indem vor allem Leonores innere Konflikte thematisiert werden, konzentriert sich die Inszenierung rein aufs Individuelle, Private, ohne daraus Erkenntnisgewinn zu schlagen. Im Gegenteil, die politischen Umstände eines brutalen totalitären Staates werden dadurch ebenso verharmlost wie die Intrige des machtlüsternen Pizarro in den Hintergrund gedrängt.

          Für eine Karikatur nicht bissig genug

          Der merkwürdig diffusen Inszenierung wegen lohnt es sich also nicht, diesen neuen „Fidelio“ an der Wiener Staatsoper zu besuchen. Wohl aber wegen der musikalischen Urfassung, die zum ersten Mal im Haus am Ring zu hören ist: „Fidelio oder Die eheliche Liebe“, wie die Oper 1805 bei der Uraufführung am Theater an der Wien damals betitelt war. Mag sein, dass die Begleitumstände dieser Premiere, die vor einem halbleeren Haus stattgefunden hatte, weil wenige Tage davor die napoleonischen Truppen in Wien einmarschiert waren, eine Rolle dabei spielten, dass diese Version erst in den letzten Jahren allmählich wieder entdeckt wird.

          Musikdramaturgisch wirkt sie jedenfalls schlüssiger als die endgültige „Fidelio“-Fassung von 1814, der nicht zu Unrecht vorgeworfen wird, sich im zweiten Akt von einem Singspiel in eine dramatische Oper zu wandeln. Solch ein Bruch ist in der dreiaktigen Urfassung nicht bemerkbar: Der anfänglich angeschlagene Tonfall, der an Singspiele Joseph Haydns erinnert, satztechnisch sogar an Mozarts Opere buffe, bestimmt weitgehend auch den Finalakt. Selbst Florestans große Auftrittsarie, „Gott! Welch Dunkel hier!“, ist bei weitem nicht so hoch angelegt wie 1814. Auch das später stark überarbeitete Finale des bereits 1806 auf zwei Akte gestrafften „Fidelio“ ist 1814 weit dramatischer gestaltet als in der Urfassung. Womit Beethoven musikalisch auf die textlichen Umarbeitungen Georg Friedrich Treitschkes reagierte, der den sozio-politischen Kontext der Handlung schärfte.

          An der Urfassung beeindruckt hingegen die geradezu kammermusikalische Instrumentierung. Zumal dann, wenn sie so klangfarbenreich interpretiert wird wie vom seidenweich spielenden Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Tomáš Netopil, der stets um ein aufgehelltes, transparentes Klangbild bemüht ist. Das von Solostreichern begleitete (in der Endfassung gestrichene) Duett von Leonore und Marzelline, „Um in der Ehe froh zu leben“, zählte zu den Höhepunkten des Abends. Im ersten, etwas langatmigen Akt hätte Netopil die Zügel gelegentlich allerdings etwas straffen können.

          Trotz kleiner Einschränkungen setzte diese einfühlsame Begleitung eigentlich ein perfektes orchestrales Fundament für ein würdiges Beethoven-Fest. Dem stand jedoch die äußerst durchschnittliche Sängerbesetzung entgegen. Einziger vokaler Lichtblick des Abends ist – neben dem prägnanten Staatsopernchor (Leitung: Thomas Lang) – Benjamin Bruns als Florestan, dessen geschmeidiger lyrischer Tenor vorzüglich zu dieser schlanken Urfassung passt. Chen Reiss als Marzelline und Jörg Schneider als Jaquino bilden ein wenigstens solides Buffo-Paar; Falk Struckmann singt einen rauen Rocco, aber immerhin von kräftiger Statur. Was Thomas Johannes Mayer, der als Pizarro oft kaum hörbar ist, leider gänzlich vermissen lässt. Stimmlich stärker, aber rhythmisch und intonationstechnisch extrem unsicher ist die junge irische Sopranistin Jennifer Davis als Leonore, die auch artikulatorisch mit der deutschen Sprache zu kämpfen hat.

          Das Finale erlebt die Protagonistin nur noch im Delirium: Denn in Niermeyers Deutung wird Leonore von Pizarro niedergestochen und phantasiert im Todeskampf von einem rettenden Ende. Die von Annelies Vanlaere glitzerrevueartig kostümierte Gesellschaft, mit der Don Fernando (Samuel Hasselhorn) erscheint, gibt ein letztes Inszenierungsrätsel auf: Als Utopie einer glücklichen Zukunft taugt diese Spaßgesellschaft wohl kaum, und für eine Karikatur ist das nicht bissig genug. Dem Publikum war das zu viel: Niermeyer und ihr Team mussten einen wahren Buh-Orkan über sich ergehen lassen.

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