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Theaterpremiere in Berlin : Geistergespräche über die Leere

  • -Aktualisiert am

Es will ihnen einfach nicht gelingen: Caroline Peters und Christoph Gawenda in Simon Stones „Yerma“-Adaption Bild: david baltzer / bildbuehne.de

Schicksalsfragen des mittelständischen Kulturmilieus im Spiegel einer alten, traurigen Geschichte: An der Schaubühne adaptiert Simon Stone „Yerma“ nach Lorca.

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          Wer in die Schaubühne geht, schaut in den Spiegel. Der sieht kein großes Kino, keine avantgardistische Theaterkunst, der bekommt sich selbst zu sehen, in all seiner kleinen Oberflächlichkeit. Der hat das Gefühl, er könnte auch zwei Straßen oder drei Hauptstädte weiter sitzen, in einer der Charlottenburger Altbauwohnungen oder im neubürgerlichen Zentrum von London oder Paris. Es überkommt einen, kaum hat man hier als Zuschauer Platz genommen, das seltsame Gefühl, unter Selbstbeobachtung zu stehen, nicht von fremden Blicken gebannt zu werden, sondern von Vertrauten etwas erzählt zu bekommen, das man so oder so ähnlich auch schon einmal gesagt, gedacht oder gefühlt hat. Vielleicht gerade gestern, bei diesem Abendessen auf der Dachterrasse, als es um Obdachlosigkeit ging oder sich die Tischnachbarin über den Rassismus der Arbeiterklasse beklagte und auf einmal Streit ausbrach, weil irgendjemand das Thema Erbschaftssteuer zu ernstnehmen wollte. Oder eben, als die erfolgreiche Kunstagentin freudestrahlend ihre zweite Schwangerschaft verkündete und sich die Mienen des gastgebenden Pärchens plötzlich schmerzhaft verzogen.

          Die beiden trifft man wieder, an diesem Sommerabend im Westen Berlins: Hinter blank geputzten Glasscheiben liegen Caroline Peters und Christoph Gawenda champagnerschlürfend auf dem Fußboden ihrer neuen Zweihundert-Quadratmeter-Wohnung und erzählen sich schmutzige Sachen, geben an mit ihrer unverfrorenen Art, über Sex, Pornos und ihre Schambehaarung zu reden, ganz lässig, ohne Druck, ohne Folgen, und plötzlich sagt sie, als wäre es ein weiterer schlüpfriger Scherz, dass sie gern Kinder hätte. Eines oder zwei, Zimmer gäbe es ja jetzt genug und der Augenblick – sie 38, Chefredakteurin einer wichtigen Zeitung, er, seit kurzem gut im Geschäft und unter der Woche mit leichter Ledertasche auf dem Weg zu den Investoren – sei günstig. Ja, sagt er etwas zögerlich, ja, das könne er sich auch vorstellen: ein Kind, Vater sein, die Windel wechseln – zumindest hin und wieder.

          An irgendetwas muss es ja liegen

          Vor den beiden liegen nun fünf qualvolle Jahre, in denen Yerma, so heißt hier die Verfasserin eines viel gelesenen Gesellschaftsblogs, alles daran setzt, schwanger zu werden. Sie plant, sie verkrampft, sie nimmt Hormonpräparate. Aber es will einfach nichts werden. In ihrem Blog schreibt sie mit böswilliger Offenheit über ihre missgünstigen Gefühle, wenn sie von der Schwangerschaft ihrer jüngeren Schwester hört, schreibt über eine mögliche Potenzstörung ihres Mannes (die sich als Irrtum herausstellt), schreibt über die Mitschuld ihrer gefühlskalten Mutter. An irgendetwas muss es ja liegen, dass sie, die sonst immer Erfolge einfährt, hier scheitert, dass ihr „Uterus leer bleibt“. Mit der Zeit wird sie immer zynischer, immer feindseliger, das Mutterglück der Anderen widert sich an.

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