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Beethoven-Manuskripte in Berlin : Wunderkammer eines Genies

  • -Aktualisiert am

Für nicht viel mehr als 110 sorgsam gezählte Stunden aus tresorgesicherter Nacht ans Licht gelassen: Die Berliner Staatsbibliothek zeigt Glanzstücke ihrer Sammlung von Handschriften Ludwig van Beethovens.

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          „Ewig dein / Ewig mein / Ewig unß“ – Immer fahriger werden die Schriftzüge zu diesen Schlussworten hin, und was vielleicht ein finales Ausrufezeichen sein sollte, gerät zur rotierenden Arabeske. Wartet schon der Postwagen, müssen die letzten Sätze unter extremer Zeitnot hingekritzelt werden? Man meint eine verzweifelte Bedrängnis zu spüren in dem, was da am 7. Juli 1812 aufgeschrieben, aber dann nicht abgeschickt (oder an den Absender zurückexpediert) wurde: Ludwig van Beethovens zehnseitigem Brief an die „unsterbliche Geliebte“, seit seiner Entdeckung im Nachlass des Komponisten Gegenstand dicker akademischer Erörterungen und künstlerischer Nachbearbeitungen. Jetzt kann man ihm in Berlin so nahe kommen wie sonst kaum: neben dem „übersetzten“ Faksimile des Schreibens sind vier Seiten im Original zu sehen.

          Besucher von Ausstellungen mit historischen Dokumenten sind es gewohnt: das Umhergleiten im gedämpften Halblicht, bei dem man unwillkürlich auch die Stimme senkt wie in der Krypta eines mittelalterlichen Domes. Was ja in Corona-Zeiten durchaus angebracht ist und in der Berliner Staatsbibliothek, die zum 250. Geburtstag des Künstlers für nicht viel mehr als 110 sorgsam gezählte Stunden etliche ihrer Beethoven-Handschriften aus tresorgesicherter Nacht ans Licht lässt, noch verstärkt wird: Interessenten müssen sich vorab online anmelden und in die über vier Wochen verteilten Zeitfenster einordnen. Dafür ist der Zutritt für jene, die es geschafft haben, gratis.

          Die Beklemmung der Vergänglichkeit

          So entsteht im wohltemperierten Dämmern eine geradezu mystisch-geheimbündlerische Stimmung. Kommt man doch hier den Lebenszeugnissen des Komponisten und den ihnen zugeordneten Zeitdokumenten – Druckausgaben und Programmzetteln beispielsweise, alles sorgfältig, aber nicht ausschweifend kommentiert – in einer Weise nahe, bei der man sich durchaus auserwählt fühlen darf. Denn dass zum Beispiel jener Verzweiflungs-Liebesbrief von 1812 wirklich nur noch ausnahmsweise in die Öffentlichkeit darf, wird bei der direkten Konfrontation mit den fragilen, angegilbten Papierblättchen und verblassenden Bleistift-Schriftzügen unmittelbar deutlich. Und es sind auch im Ganzen gerade die Verletztheiten und Verletzlichkeiten, das manchmal verzweifelt Ringende und Ungerundete vieler Dokumente, die einem hier fast körperlich nahegehen: Randglossen, die der Überbeschäftigte als temporäre To-do-Listen an Seitenränder kritzelt; vulkanisch wüst ins Notenbild hineinfahrende Streichungen oder jene Löcher, die Beethovens wütende Radierkorrekturen in die Handschrift der Klaviersonate op. 111 gerissen haben.

          Wer will, kann das ja fast alles auch per Faksimile mustern oder direkt in die Hand nehmen. Doch hier, vor den Originalen, kommen noch die Beklemmungen der Vergänglichkeit hinzu und eine intensivierte Emotionalität angesichts dieser in Papier gespießten Stecknadel-Notenköpfe und cholerisch wild wehenden Hälse und Balken. So ist die Schau nicht nur eine gewichtige Dokumentation der weltweit größten Handschriftensammlung des Künstlers, sondern auch eine Wunderkammer, die an jeder Ecke Überraschungen auffährt – und Ecken wie Nischen gibt es hier etliche.

          Erst nach und nach erschließt sich eine frei assoziative Ausstellungsdramaturgie, die zwischen einigen Charakterstücken aus der mehr als hundertfünfzig Objekte umfassenden Beethoven-Porträtsammlung des Hauses an der Eingangswand und den Dokumenten zur neunten Symphonie in der Tiefe des Raumes ihre eigene, thematisch sortierte und kaum ans Chronologische gebundene Ordnung offenbart. Hier kann jeder seine Schwerpunkte selbst setzen oder auch einmal aussteigen – wobei Letzteres kaum einer tun wird, weil sich selbst in scheinbaren Nebenaspekten Erhellendes über Mann und Zeit findet. Wenn da auf dem Ankündigungsplakat für jene Akademie im Mai 1824, bei der die „Neunte“ ihre Uraufführung erfuhr, zu sehen ist, dass direkt vor deren Auftakt eine jener Rossini-Arien gesungen wurde, an denen sich das damalige musikalische Wien besoffenhörte, dann ist das natürlich kein neuer Fakt – aber es bekommt, so direkt vor Augen gestellt, eine andere (durchaus auch erheiternde) Präsenz.

          Anderes, nicht nur der genannte Liebesbrief, offenbart rätselhafte, manchmal kriminalistische Aspekte. Spannung überall; nicht zuletzt in der im Vorraum dokumentierten Geschichte der Sammlung selbst, deren Autographe, Konversationshefte und Briefe seit 1828 aus vielen unterschiedlichen Quellen – die gewichtigste war der Nachlass von Beethovens Privatsekretär Anton Schindler – zusammenflossen, und die in den Jahrzehnten der deutschen Teilung genauso handgreiflich gespalten waren wie das Land selbst. Kostbare Stücke für kostbare Minuten: Wer es selbst versuchen möchte, kann das bis 24. Juli über https://staatsbibliothek-berlin.de tun.

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