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Sopranistin Anna Tomowa-Sintow : Sängerin des Mondlichts

  • -Aktualisiert am

Nicht nur mit ihren Lieblingsrollen Aida, Arabella und Donna Anna begeisterte Anna Tomowa-Sintow. Heute wird sie achtzig Jahre alt. Bild: Bridgeman Images

Aida, Arabella und Donna Anna waren ihre Lieblingspartien. Sie begeisterte den Dirigenten Herbert von Karajan und Kolleginnen wie Leonie Rysanek und Elisabeth Schwarzkopf: Die Sopranistin Anna Tomowa-Sintow wird achtzig Jahre alt.

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          Er hatte nur zwei oder drei Takte aus dem Sopran-Solo von Johann Sebastian Bachs „Magnificat“ gehört, als Herbert von Karajan das Probesingen einer jungen Sopranistin für die Uraufführung von Carl Orffs „De temporum fine comœdia“, 1973 in Salzburg unterbrach und ausrief: „Genau darauf habe ich gewartet.“ Für die bulgarische Sängerin war es der Auftakt zu einer siebzehn Jahre langen Zusammenarbeit mit dem Dirigenten, der, wie sie später berichtete, alles dareinsetzte, „aus einer slawischen Stimme ein Instrument für die Musik Mozarts zu formen“. Als sie unter seiner Leitung die Partie der Gräfin in „Le Nozze di Figaro“ (1977) aufnahm, war zu hören, dass die Umformung der Stimme mit ihrem „slawischen“ Vibrato in ein weiches, modulationsfähiges Instrument für die Musik von Mozart noch nicht ganz abgeschlossen war.

          Anna Tomowa-Sintow, im bulgarischen Stara-Zagora geboren, studierte am Konservatorium von Sofia bei Georgi Slatew-Tscherkin, der auch Ljuba Welitsch unterrichtet hatte. Nach dem Examen ging sie 1966 an die Leipziger Oper und gab 1967 ihr Debüt in der wegen ihrer extremen stimmlichen und technischen Anforderungen hybriden Partie von Verdis Abigaille in „Nabucco“. In den folgenden Jahren konnte sie, weil auch pianistisch ausgebildet, zentrale Partien des jugendlich dramatischen Fachs – Leonora, Violetta, Desdemona, Manon Lescaut und Butterfly – allein vorbereiten, so wie Strauss’ Arabella und Ariadne. Seit 1972 erweiterte sie, nun im Ensemble der Deutschen Oper Berlin, ihr Repertoire um Mozarts Contessa und Fiordiligi, Verdis Aida, Wagners Elisabeth und Elsa, Strauss’ Marschallin und Kaiserin und Puccinis Tosca. Es sind die Partien, mit denen sie in den folgenden zweieinhalb Jahrzehnten in Salzburg und Wien, München und Mailand, London und New York gastierte.

          Versäumnis der Plattenfirmen

          Nach ihren Lieblingsrollen gefragt, nannte sie „meine drei As“: Aida, Arabella und Donna Anna. Als sie die Mozart-Partie unter Karajan aufnahm (1987), hatte ihre Stimme den Schliff eines Mozarts-Sopran bekommen und besaß zudem die Energien eines italienischen Spinto. Nach einer Münchner Aufführung von Verdis „Aida“ (1979) unter Riccardo Muti sagte ihr Leonie Rysanek: „Ihre wunderschöne Stimme ist für italienische Partien wie geschaffen.“

          Der Mitschnitt zeigt, dass der Radamès von Plácido Domingo in seinen drei Studio-Produktionen keine ähnlich überzeugende Partnerin hatte. Das hohe C in der Arie „O patria mia“, dessentwegen einige Sängerinnen die Partie aufgegeben haben, gießt das Licht des Mondes über die Szene. Wie bei Julia Varady war es ein unverständliches Versäumnis der Plattenfirmen, dass sie in den achtziger Jahren nicht die Möglichkeit bekam, ihre zentralen Verdi-Partien aufzunehmen.

          Umso erfreulicher, dass sie unter Karajan in Salzburg die Marschallin im „Rosenkavalier“ singen und aufnehmen konnte. Enthusiastisches Lob kam aus dem Munde von Karajans erster Studio-Marschallin: Elisabeth Schwarzkopf. Wie fruchtbar endlich ihre Zusammenarbeit mit dem Klangsensualisten Karajan war, zeigt die 1985 entstandene Aufnahme der „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss. Karajan hatte den erlesenen Oberflächenreiz dieser elegischen Gesänge schon in einer Aufnahme mit Gundula Janowitz ausgekostet. Die Stimme von Anna Tomowa-Sintow ist herber als die ihrer deutschen Kollegin, wärmer im Klang, sinnlicher im Ausdruck, reicher in den vokalen Farben. Die „schönere“ der beiden Aufnahmen? Es kann nur die sein, die gerade erklingt.

          Nach ihrem Abschied von der Bühne, schrittweise vollzogen in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts, hat sie noch Meisterklassen gegeben und als Jurorin bei Gesangswettbewerben gearbeitet. Heute wird Anna Tomowa-Sintow achtzig Jahre alt.

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