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Salzburger Festspiele : Nachdenklichkeit ist aller Leiden Anfang

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Schmiegsam-düster und kraftvoll-dynamisch: Kent Nagano dirigiert in der Felsenreitschule die Lukas-Passion. Bild: Salzburger Festspiele / Marco Bo

Schmerzerfüllt: Die Salzburger Festspiele beginnen mit Passionen von Beethoven, Penderecki und Pasolini. Sie ziehen Parallelen zwischen dem Schicksal von Flüchtlingen heute und dem Leiden Jesu Christi.

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          Verfolgung, Flucht, Hinrichtung: Letzteres Schicksal bleibt den vielen Geflüchteten dieser Erde in Europa immerhin erspart, wenngleich der Tod allenthalben auf ihren Fluchtwegen lauert. Insofern ähnelt das Los der Vertriebenen unserer Gegenwart in gewisser Weise dem Schicksal Jesu Christi, hinter dessen Martyrium letztlich auch Machtinteressen standen wie heute in Syrien. Nicht zuletzt wegen dieser inneren Parallelen stehen am Beginn der Salzburger Festspiele Passionen im Zentrum der „Ouverture spirituelle“, die ausdrücklich auf Besinnung und Reflexion zielt. Von Alexander Pereira 2012 ursprünglich als Reverenz an die großen Weltreligionen gegründet, erhält dieser kontemplative Auftakt unter der Intendanz von Markus Hinterhäuser nun auch eine implizit politische Bedeutung, indem aus biblischen und historischen Leidensgeschichten behutsame Verweise auf unsere brüchige Gegenwart gezogen werden.

          Den Beginn machte Krzysztof Pendereckis großangelegte „Passio et mors Domini nostri Iesu Christi secundam Luca“, wie der volle Titel seiner Lukas-Passion lautet. Dass sich selbst die Salzburger Festspiele die Aufführung dieses enorm aufwendigen Werks nicht ohne ein großzügiges Sponsoring der Stiftung Würth hätten leisten können, verweist auf dessen Besetzungsgröße: Neben dem riesigen Orchesterapparat mit großen Perkussionssets, Klavier, Harmonium und Orgel gehen drei Solisten, ein Sprecher, drei gemischte Chöre (des Philharmonischen Chors Krakau) und ein Knabenchor (der fabelhafte Warsaw Boys Choir) auf der breiten Bühne der Salzburger Felsenreitschule zu Werke.

          Dennoch ist Pendereckis 1966 im Auftrag des WDR im Münsteraner Dom uraufgeführtes Werk über weite Strecken erstaunlich intim. Auf Zwölftonreihen basierende, doch überaus gesangliche Lineaturen hatte der heute 84 Jahre alte Komponist als rund Dreißigjähriger auf kunstvolle Weise miteinander verflochten, so dass dunkle Klangflächen entstehen, die oft nur gespenstisch sparsam instrumentiert sind. Vor allem die reflektierenden Teile der Passion, wie die Szene mit Jesus am Ölberg (kraftvoll gesungen von dem Bariton Lucas Meachem), sind sogar a cappella gesetzt, so dass ein schmerzerfüllter Erzählton dominiert, unterstrichen durch den oft geräuschhaften Chorsatz. Nur an gezielten Stellen der Lukas-Passion verdichtet Penderecki die sich reibenden Cluster-Strukturen, um eine geradezu explosive dramatische Kraft zu entwickeln.

          Ein Auftakt nach Maß für die Salzburger Festspiele, deren sonst so glamouröses Gepränge der Nachdenklichkeit wich. Ein gänzlich unprätentiöser Dirigent wie Kent Nagano war der ideale Künstler für diese Lukas-Passion, die unter seiner souveränen Führung ebenso schmiegsam-düster wie kraftvoll-dynamisch erklang. Neben Lucas Meachem überzeugten auch die Sopranistin Sarah Wegener, der Bassist Matthew Rose und der Sprecher Sławomir Holland, der, dezent verstärkt, aus einer der Arkaden der Felsenreitschule sprach, die ansonsten großteils abgedeckt waren, was die Akustik erheblich verbesserte.

          Dreieinigkeit in Salzburg: Isabelle Faust (Violine), Kristin von der Goltz (VIoloncello), Kristian Bezuidenhout (Cembalo, Orgel).

          Ein Film von Pier Paolo Pasolini, „Il Vangelo secondo Matteo“ von 1964, markierte die nächste Passionsstation. Vor den Mauern von Matera gedreht, einer antik wirkenden Stadt in Lukanien, erzählt Pasolini die biblische Leidensgeschichte in realistischen Bildern, die häufig auf die Gesichter der Laiendarsteller fokussiert sind. Mit sehr knappen Dialogen, bewusst sparsam untermalt von Musiken Bachs, Mozarts und Prokofjews, folgt Pasolini der Matthäus-Passion überraschend getreu nach dem Bibeltext.

          Close-ups vor allem der Protagonistin, Renée Jeanne Falconetti, dominieren auch Carl Theodor Dreyers Stummfilm „La Passion de Jeanne d’Arc“ von 1927/28, in dem die zutiefst menschliche Leidensgeschichte der mutigen französischen Bauerntochter bis zu ihrer öffentlichen Verbrennung im Jahr 1431 erzählt wird. Das britische Orlando Consort stellte zu diesem Stummfilm Vokalmusik vom Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts zusammen, die das grausame Geschehen mit stimmigen Klagetönen a cappella begleitete. Eingeleitet wurde Dreyers Streifen von der unerbittlich pochenden Symphonie Nr. 5, „Amen“, der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja, die in ihrem 1989/90 entstandenen Werk einem mächtigen Holzwürfel eine zentrale Rolle zuweist. Über das Schaffen Ustwolskajas, einen weiteren, mit den Passionen in engem Konnex stehenden Schwerpunkt dieser „Ouverture spirituelle“, wird noch gesondert berichtet werden.

          Das sinnfällige Nebeneinander von alter und neuer Musik ist eines der auffälligsten Zeichen dieser klug zusammengestellten Konzertreihe, durch die auch musikhistorische Zusammenhänge evident werden. Oft genügen nur wenige Jahrzehnte, in denen sich neue kompositorische Welten auftun, was die Geigerin Isabelle Faust demonstrierte: durch eine Konfrontation von Werken Heinrich Ignaz Franz Bibers mit jenen Johann Sebastian Bachs, exzellent musiziert gemeinsam mit Kristin von der Goltz am Cello und Kristian Bezuidenhout am Cembalo und an der Orgel.

          Eine gänzlich neue Welt eröffnet erst recht der Vergleich Bibers mit Beethoven: Während Biber in der sechsten seiner „Rosenkranzsonaten“ noch eine flächige, vom Continuo mit Orgelpositiv und Cello faszinierend dunkel grundierte Trauermusik über „Christus am Ölberge“ schrieb, erhält derselbe Stoff durch Beethovens Feder nahezu opernhafte Züge. Viel gescholten wegen des mangelhaften Librettos, enthält das 1803 uraufgeführte Oratorium eine Fülle von markanten musikalischen Passagen, obgleich die Form noch einige Bruchstellen aufweist. In Gestalt des Christus (der helle Tenor Benjamin Bruns) leuchtet bereits Beethovens Florestan auf, was das Mozarteumorchester und der Bachchor Salzburg unter Riccardo Minasi mit ihrer zupackenden Wiedergabe unterstrichen. Besser hätten die Salzburger Festspiele kaum beginnen können.

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