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Ariane Mnouchkine wird 80 : Für ein Theater der Aufklärung

  • -Aktualisiert am

Ariane Mnouchkine im November in Renens in der Schweiz Bild: dpa

Kultur wird nicht besessen, sie wird immer neu erspielt: Zum achtzigsten Geburtstag der Regisseurin Ariane Mnouchkine, der Prinzipalin des Théâtre du Soleil.

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          Vor ein paar Wochen wurde Ariane Mnouchkine bei einem Podiumsgespräch in Paris die Gretchenfrage des Moments gestellt: Wie sie es denn mit den gilets jaunes halte? Frankreichs Film- und Theaterschaffende, die sich sonst um die Mikrofone reißen, wenn es gilt, zu gesellschaftlichen und politischen Themen Stellung zu nehmen, halten sich bezüglich der „Gelbwesten“ bemerkenswert bedeckt. Mnouchkines Antwort mag mit erklären, warum dem so ist.

          Die Mitbegründerin und Leiterin des Pariser Théâtre du Soleil vertrat die Auffassung, angesichts eines derart vielschichtigen und schwer zu fassenden Phänomens sei das Schweigen der Kunstschaffenden weise – sonst redeten sie womöglich noch Unsinn. Sie selbst halte sich vorsichtig zurück und versuche erst einmal, die „janusköpfige“ Bewegung zu begreifen. „Ich will wissen, mit wem ich mich da solidarisiere. Gewiss nicht mit jenen „Gelbwesten“, die, als sie Migranten in einem Lastwagen entdeckten, die Polizei riefen. Wohl aber mit denen, die für ein besseres Leben demonstrieren – und auch, um unserem Präsidenten in Erinnerung zu rufen, dass es an der Zeit wäre, das linke Bein in Bewegung zu setzen. Doch wenn wir Künstler schweigen, dann auch deshalb, weil wir Leute sehen, die auf ein durchgehendes Pferd aufspringen in der Hoffnung, es werde sie schon irgendwohin tragen. Das ist gefährlich.“

          Abwägende Worte von einer engagierten Künstlerin, die man schon impulsiver erlebt hat. Womit auch das Schlüsselwort zu Ariane Mnouchkines künstlerischer Laufbahn gefallen wäre: „Engagement“. Schon ein summarischer Blick auf die gut zwei Dutzend Produktionen der Theatermacherin und Übermutter des Théâtre du Soleil zeigt, dass fast jede von ihnen sich mit einer zur jeweiligen Entstehungszeit aktuellen Problematik auseinandersetzt, ja, zu dieser Stellung bezieht.

          Gegen Frankreichs Untätigkeit

          Die Aufführung von Gorkis „Kleinbürgern“ im Gründungsjahr des Théâtre du Soleil (1964) kann auch als ein Exorzismus des Mittelklasse-Fluchs der meisten Truppenmitglieder angesehen werden. In den siebziger Jahren prangern vier marxistisch angehauchte Produktionen mittels Zeitbildern aus diversen Epochen den Klassenkampf beziehungsweise die Geldgier und Verworfenheit der Bourgeoisie an: „1789“ und „1793“, das legendäre Diptychon über die Französische Revolution, „L’Âge d’or“, in dem Commedia-dell’Arte-Charaktere mit zeitgenössischen Figuren wie einem arabischen Arbeiter oder einem dubiosen Baulöwen verschmelzen, endlich eine Dramatisierung von Klaus Manns Roman „Mephisto“, der bekanntlich in den Jahren vor und nach Hitlers Machtergreifung spielt. „L’Histoire terrible mais inachevée de Norodom Sihanouk, roi du Cambodge“ (1985) und „L’Indiade ou l’Inde de leurs rêves“ (1987) greifen brennende Stoffe aus der jeweils jüngeren oder unmittelbaren Vergangenheit auf. Die in den letzten fünfundzwanzig Jahren – zumeist in Zusammenarbeit mit Hélène Cixous – entstandenen kollektiven Kreationen endlich behandeln Zeitthemen wie die Aids-Tragödie („La Ville parjure ou le Réveil des Érinyes“, 1994) oder das Flüchtlingsproblem aus der Perspektive der Zielländer („Et soudain, des nuits d’éveil“, 1997) beziehungsweise der Herkunftsregionen („Le Dernier Caravansérail“, 2003). Selbst ein Klassiker wie Molières „Tartuffe“ gerät Mnouchkine 1995 zu einer fulminanten Abrechnung mit dem religiösen Fundamentalismus im Allgemeinen – und mit dem Islamismus im Besonderen.

          Doch nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Leben machen sich die Mitglieder des Théâtre du Soleil und Mnouchkine seit fünf Jahrzehnten für eine breite Palette sozialer und politischer Anliegen stark. Sie setzten sich in den siebziger Jahren für eine Verbesserung der Haftbedingungen in Frankreichs Gefängnissen ein, verbrüderten sich im folgenden Jahrzehnt mit Solidarność, mit Václav Havel, mit Argentiniens „Desaparecidos“ und mit den Opfern des Algerischen Bürgerkriegs, boten 1996 Hunderten schwarzafrikanischer Sans-Papiers ein Dach über dem Kopf. Während der Massaker in Bosnien protestierte Mnouchkine mit einem dreißigtägigen Hungerstreik gegen Frankreichs Untätigkeit.

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